Das Leiden jedes Opfers muss anerkannt werden

Vesna Terselic

Vesna Terselic, geboren 1962, war Gründerin der Kroatischen Anti-Kriegs-Kampagne. „Für ihr unermüdliches Engagement für einen Prozess der Friedenskonsolidierung und Versöhnung auf dem Balkan“ wurde sie 1998 mit dem Right Livelihood Award ausgezeichnet, zusammen mit Katarina Kruhonia vom „Zentrum für Frieden, Gewaltfreiheit und Menschenrechte“. 2004 gründete Vesna Terselic „Documenta – Zentrum für den Umgang mit der Vergangenheit“ in Zagreb. Der Hauptgrund war die Erfahrung, dass Fakten über Kriegsverbrechen zwischen 1941 und 2000 unterdrückt und verfälscht worden waren. In einem Bündnis mit über 900 Organisationen und Einzelpersönlichkeiten aus ganz Ex-Jugoslawien und mit Unterstützung des kroatischen und serbischen Präsidenten arbeitet Terselic nun daran, dass 2011 eine gemeinsame Wahrheitskommission für Ex-Jugoslawien gegründet wird. Das könnte eine Riesenchance werden für die ganze Region, die verhärteten Strukturen der ethnischen Kleinstaaterei zu überwinden und nachhaltigen Frieden zu fördern.

Frau Terselic, was ist Ihre persönliche Vision, wie Frieden und Versöhnung vorangehen kann?

Ich ziehe das Wort „Friedenskonsolidierung“ dem Wort „Versöhnung“ vor. „Versöhnung“ ist eine schwere Bürde für die Opfer. Sie müssen befürchten, dass sie zur „Versöhnung“ gezwungen werden, bevor ihr Leiden anerkannt wird. Für mich ist die Voraussetzung von nachhaltigem Frieden die Anerkennung des Leidens aller Überlebender von Gewalt. Und deshalb ist es so wichtig, dass die Namen von Überlebenden und Opfern bekannt sind und die Bedingungen, unter denen die Gewalt stattfand. Ich glaube, dass jedes Opfer, das gelitten hat, ein Recht hat auf Wahrheit, Gerechtigkeit und Reparation, und eine Garantie, dass solche Akte sich niemals mehr wiederholen. Die Regierungsinstitutionen haben diese Verpflichtung, und es ist sehr wichtig, dafür einzutreten.

Sie sind Direktorin von Documenta in Zagreb – welche Ziele verfolgt Ihre Organisation?

Documenta dokumentiert, vor allem Kriegsverbrechen. Wir gehen von Dorf zu Dorf, Ort zu Ort, Haus zu Haus, um zu dokumentieren, was Getöteten und Vermissten passierte. Bevor wir damit beginnen, machen wir umfangreiche Recherchen in Büchern, Zeitungen, wissenschaftlichen Einrichtungen. Dadurch, dass wir mit den Menschen sprechen, gewinnen wir Daten. Das ist sehr teuer. Für die Dokumentation der menschlichen Verluste in Kroatien brauchen wir noch etwa fünf Jahre, und ich bin nicht sicher, ob wir genügend Geld für das nächste Jahr haben. Eigentlich sollte diese Wahrheitsfindung von Wissenschafts- und Regierungsinstitutionen betrieben werden. Aber weil es dafür keinen politischen Willen ab, haben wir das selbst übernommen, weil wir sahen, dass diese Arbeit getan werden muss.

Sammeln Sie auch persönliche Erinnerungen?

Ja. In den nächsten drei Jahren wollen wir 500 Interviews aufnehmen. Einige werden wir auf unsere Website setzen, auch in englischer Übersetzung, damit Menschen aus anderen Ländern sie lesen können. Wir glauben, dass diese persönliche Blick auf Krieg sehr wichtig ist. Er beinhaltet nicht nur das, was passierte, sondern auch, wie die Überlebenden es erlebten und was sie heute brauchen.

Ein Interview kann für Opfer gefährlich sein. Schreckliche Dinge, die verdrängt wurden, können hochkommen. Arbeiten Sie mit psychologischer Betreuung?

Für diese 500 Interviewpartner werden wir psychologische Begleitung haben, sie bekommen Hilfestellungen bei ihren Aussagen. Aber diese 500 sind nicht unbedingt die Überlebenden der schrecklichsten Kriegsverbrechen. Wir decken damit einen langen Zeitraum ab, ab 1941. Diese Erinnerungen sollten für gegenwärtige und kommende Generationen verfügbar sein. Die offizielle Erzählungen über den Zweiten Weltkrieg, die außergerichtlichen Tötungen direkt danach und die späteren Kriege reichen nicht aus, sie sind simplifiziert. Und die persönlichen Stimmen übermitteln uns, wie es war.

Haben Sie Verbindungen zwischen der Gewalt im Zweiten Weltkrieg und dem nächsten Krieg entdeckt?

Gewaltakte während des Zweiten Weltkriegs und danach haben zu den Vorbereitungen des nächsten Krieges beigetragen. Zudem dienten sie als Entschuldigung für die nächsten Gewaltakte. Weil die Fakten nur ungenügend dokumentiert und das Leiden der Opfer nicht anerkannt wurde, war es leicht, Zahlen zu manipulieren und Furcht zu schüren.

Ist das ein Grund, warum Sie auch Prozesse wegen Kriegsverbrechen beobachten?

Ja, wir beobachten diese seit 2004 systematisch, zusammen mit anderen Organisationen aus Kroatien wie dem Zentrum für Frieden, Gewaltfreiheit und Menschenrechte in Osijek oder dem Zivilkomitee für Menschenrechte in Zagreb. Wir dachten über konstruktive Kritik der Strafverfolgung nach, wir würden die Verfolger gerne dazu ermutigen, schneller voranzugehen und so viele Prozesse wie möglich abzuhalten. Für Überlebende sind diese Prozesse die praktischste und wichtigste Erleichterung ihres Lebens.

Weshalb schlagen Sie eine Wahrheitskommission für den ganzen Balkan vor?

Weil wir wissen, dass Gerichte nur eine begrenzte Arbeit machen können, rufen wir nach einer regionalen Kommission, die Fakten über Kriegsverbrechen und Menschenrechtsverletzungen ermitteln soll. Sie entspringt gemeinsamen Überlegungen von Menschenrechtsorganisationen, Opferorganisationen, Frauengruppen und Jugendorganisationen. Das ist eine Koalition von mehr als 900 Organisationen und Individuen aus allen post-jugoslawischen Ländern. Ich glaube, damit können wir nachhaltigen Frieden ein großes Stück voranbringen. Das Leiden der Opfer wird anerkannt, indem gesagt wird, was passierte. Das wird für die Überlebenden und die ganze Gesellschaft heilsam sein.

Glauben Sie, dass Friedenskonsolidierung durch diese komplexe Form von Wahrheitsfindung möglich ist?

Ja. Weil die Fakten über Tote und Vermisste nicht bestreitbar sind. Es würde unhöflich, diese Fakten zu bestreiten. Interpretationen sind natürlich immer verschieden auf den verschiedenen Seiten des Krieges, das gehört zur Demokratie. Aber wir können und sollten dann nicht mehr darüber streiten, wieviel Menschen in Vukovar, Dubrovnik und Sarajewo starben. Lasst uns Namenslisten erstellen. Die Toten und Vermissten sollten bekannt werden, genauso wie die Umstände, unter denen die Gewalt stattfand. Die Familien von Vermissten sollten Informationen finden. In Kroatien beträgt die Zahl der Vermissten mehr als 1.900, im ganzen Balkan sind es mehr als 15.000 Vermisste und mehr als 120.000 Tote und Vermisste.

Sie arbeiten mit über 900 Organisationen zusammen – wie geht das praktisch?

Wir treffen uns auf großen Veranstaltungen, Foren, mit mehr als 300 Personen. Aber meist treffen wir uns in kleinen Gruppen aus 20 bis 70 Personen, in kleinen Städten, die direkt vom Krieg betroffen waren. Jetzt diskutieren wir das Statut einer regionalen Kommission. Und am 1. Juni 2011 werden wir gemeinsam unseren Vorschlag den Parlamenten, Regierungen und Präsidenten in Sarajewo, Zagreb, Belgrad, Pristina, Ljubljana, Skopje und Podgoriza übergeben. Unsere Forderung ist, dass sie solch eine Kommission gründen.

Warum?

Wenn sie durch Regierungsinstitutionen unterstützt wird, hat sie mehr Legitimität. Wir können das als Zivilgesellschaft nicht machen. Die verschiedenen Regierungen sollten die gemeinsame Kommission mittels eines internationalen Abkommens einrichten. Die regionale Kommission, wie wir sie diskutieren, würde ihren Hauptsitz in Sarajewo haben und Büros in anderen Ländern.

Die Wahrheitskommission würde ähnlich wie die in Südafrika arbeiten?

Die Kommission würde wie andere Wahrheitskommissionen funktionieren. Ihr Ziel ist es, Fakten zu etablieren. Es würde Sitzungen geben, auf denen Opfer der verschiedenen Seiten des Krieges aussagen könnten. Aber auch Sitzungen, in denen es um die Verantwortung der Institutionen und Medien geht, die den Krieg vorbereitet haben. Diese Sitzungen würden dazu dienen, am Ende einen Bericht zu schreiben, in dem die Fakten dokumentiert sind, die Namen der Getöteten und Vermissten sowie der Konzentrationslager und Orte, wo Menschen vergewaltigt oder gefoltert wurden. Für uns Menschenrechtsorganisationen und die Überlebenden war es sehr wichtig, solch eine Initiative zu formulieren. Seit 2006 beraten wir, wie wir Fakten auf der regionalen Ebene etablieren können, die die Perspektive der verschiedenen ex-jugoslawischen Länder beinhalten. Und die Kommission ist unser gemeinsamer Vorschlag.

Interview: Ute Scheub

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