Gute Beispiele aus

Zivilcourage auf bayrisch und mexikanisch

 

Eine interkulturelle Begegnung der besonderen Art. Foto: Haiko Pieplow

Eine interkulturelle Begegnung auf Einladung  der 1000 Friedensfrauen in Mexiko: Bayrische Gärtnerinnen und Landwirte, die gegen Gentechnik kämpfen, treffen Indígenas, die ihr Saatgut und ihre Kultur verteidigen. Von Ute Scheub

Tanzende Indias und Indios in Lederröcken und üppigem Federschmuck. Trommeln und Rasseln, die den Rhythmus vorgeben. Der Rauch von Opfergaben, der in die Nase steigt. Und dazwischen deutsche Gärtnerinnen und Landwirte in ihrer traditionellen bayrischen Tracht, Dirndl und Lederhosen – eine Delegation der „Aktion Zivilcourage“, die gegen Gentechnik und für bäuerliche Unabhängigkeit und das eigene Saatgut kämpft. Organisiert von Nuria Costa, eine der lateinamerikanischen Koordinatorinnen der 1000 FriedensFrauen Weltweit, treffen sich am Rande von Mexiko City Hopfen-Menschen mit Mais-Menschen – nach einer alten Überlieferung sind die Angehörigen der indianischen Kulturen Mexikos aus Mais gemacht.

Die „Aktion Zivilcourage“, eine der weltweit einflussreichsten Bewegungen gegen Gentechnik und für nachhaltige Landwirtschaft, klärt normalerweise im oberbayrischen Chiemgau katholische Hausfrauen, Trachtenverbände und Gebirgsschützen über die Gefahren von Gentechnik und Saatgutpatentierung auf. Die Zivilcouragierten treiben die konservative CSU so energisch vor sich her, dass sich prominente Parteienvertreter genötigt sahen, sich gegen Gentechnik auszusprechen. 2009 luden sie die indische Ökofeministin Vandana Shiva – Trägerin des Alternativen Nobelpreises und eine der 1000 FriedensFrauen Weltweit – in die Rosenheimer Inntalhalle ein, um 3.500 zuhörende Bauern vor der Gentechnik zu warnen.

Für die Inderin Vandana Shiva wie für die Mexikanerin Nuria Costa ist „Ernährungssouveränität“ ein zentraler Begriff ihrer politischen Strategie, die vor allem auf die Mobilisierung der ländlichen Frauen abzielt. Menschliche Gesellschaften müssen das Recht haben, selbst über ihr Essen zu bestimmen, sagen sie. Machten ihnen Agrokonzerne das Recht streitig, seien auch Frieden und menschliche Sicherheit gefährdet.

Jetzt steht Nuria Costa zusammen mit den Hopfenmenschen in Xochimilco südlich von Mexiko City. Zusammen bewundern sie die „Schwimmenden Gärten“ der Maismenschen: ein Netz von rund 150 weitverzweigten Kanälen, die fruchtbare Flächen für Gemüseanbau umspülen. Xochimilco galt einst als das „achte Weltwunder“ und wurde 1987 von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt.

Diese Gartenkultur hatte einstmals die dichtbesiedelte Hauptstadt der Azteken versorgt, bevor die spanischen Kolonisatoren sie zerstörten und auf ihren Trümmern Mexiko City erbauten. Tenochtitlán, wie sie damals hieß, bestand aus einem riesigen Seengebiet mit schwimmenden Beeten. Die aztekischen Gärtnerinnen und Bauern füllten Flöße aus Schilf mit Seesedimenten, düngten sie mit Exkrementen und befestigten sie mit Weidenwurzeln. Der Schlamm wurde zur vielleicht fruchtbarsten Gartenkultur der Welt und ermöglichte mehrere Ernten pro Jahr. Rund 30 Quadratmeter reichten aus, um eine Person rund ums Jahr zu ernähren. Die industrielle Agrowirtschaft von heute benötigt rund 1.800 Quadratmeter in tropischen und etwa 4.800 Quadratmeter in kälteren Industrieländern. „Sowas bräuchten wir wieder“, sagen einige der Deutschen.

Heute ist das Wasser verschmutzt, die Inseln sind festgewachsen und stark geschrumpft. Das Weltkulturerbe ist bedroht. Auf den übrig gebliebenen Flächen wachsen indes weiterhin Salatköpfe, Fenchel, Spinat und Radieschen. „Die Felder sind magisch“, erklärt ein Vertreter der Vermarktungsunion der dort wirtschaftenden 1.600 Maismenschen den interessiert lauschenden Hopfenmenschen. Ihre Vorfahren hätten jahrhundertelang den Schlamm aus den Kanälen aufs Land geschöpft, ohne jede Düngung seien sie weiterhin extrem ergiebig. Wenn überhaupt, dann stellten sie mit Holzkohlepulver die Fruchtbarkeit der Felder wieder her.

Ein ökologisches Verfahren, das der deutschen Delegation bereits bekannt war: Wissenschaftler haben es in jüngerer Zeit aus dem Amazonasgebiet unter dem Namen „Terra Preta“ nach Europa und Bayern gebracht. Einige der bayrischen Gärtnerinnen und Bauern verwandeln so ihren Hühnermist und andere Bioabfälle in äußerst fruchtbare Schwarzerde.

Weiter geht die Fahrt. In einem Dorf im trockenen und ärmlichen Bundesstaat Oaxaca empfangen Frauen der dort wohnenden 120 Mixteka-Familien die bayrische Delegation. Jede serviert eine Schüssel ihres speziellen Familiengerichts, jedes aus einer anderen Mais-, Bohnen- oder Kürbissorte. Gerührt bedanken sich die Hopfenmenschen. Wie wunderbar, dass ihr eure Kultur und damit hunderte von Maissorten bewahrt habt, sagen sie. Wie schön, dass ihr unser Essen würdigt, wir vergessen manchmal, wie wertvoll es ist, entgegnen die Gastgeber. Ihr kämpft um eurer Saatgut, wir um unseres, wir wollen weiter über Ernten und Essen verfügen.

Denn das einstmals so reiche Mexiko kann aufgrund von Abholzung, Landflucht und Ressourcenplünderung seine maisliebende Bevölkerung nicht mehr selbst ernähren. Schon jetzt muss es ein Drittel seines Grundnahrungsmittels importieren. Meist in Form von US-Genmaismehl, das zu Tortillas verbacken wird. Und in Oaxaca, der Region mit der weltweit wohl größten Vielfalt an Maissorten, wird die weltweit einmalige Biodiversität durch Agrokonzerne wie Monsanto bedroht.

Fangen Maisbauern an, Gen- oder Hybridmais anzupflanzen, stecken sie in der Abhängigkeitsfalle, erklärt ein Agrarökonom, der die die Mixteka berät. Der fremde Mais verseucht ihre samenfesten Sorten, und für teures Geld müssen sie dann nicht nur das Saatgut kaufen, sondern auch Herbizide und Dünger. Der Boden verarmt, das Mikroklima wird durch das Pestizid Roundup Ready mit dem Wirkstoff Glyphosat vergiftet. In den argentinischen Anbaugebieten von Gensoja hat sich nach Untersuchungen des Embryologie-Professors Andrés Carrasco zwischen 2000 und 2009 die Krebsrate bei Kindern verdreifacht und die Rate der Fehlgeburten und der zum Teil monströsen Fehlbildungen bei Neugeborenen vervierfacht. Weil die zivilgesellschaftliche Bewegung gegen Gentechnik vor allem in Oaxaca und anderen indianisch geprägten Regionen so stark ist, hat die mexikanische Regierung Genmais bisher nur auf „Versuchsfeldern“ zugelassen. Dennoch treiben korrupte oder neoliberal gesinnte Vertreter der Regierung die Zulassung von Genpflanzen – auch Soja – noch für 2012 voran. Für das Ursprungsland des Mais ist die Kontaminierung der zahllosen alten Maissorten durch Gen- und Hybridmais extrem gefährlich.

In Dörfern wie diesem aber sind die Indígenas gut organisiert. In ihren Versammlungen auf dem Dorfplatz fassen sie gemeinsame Beschlüsse, ihre Region wiederaufzuforsten, eigene Wasserleitungen zu ziehen, ihre Pflanzenvielfalt als Basis ihrer Unabhängigkeit zu verteidigen. „Unsere Städte sind außer Kontrolle, aber in den kleinen Gemeinden funktionieren die Institutionen noch“, sagt der Agrarökonom, der die Mixtekendörfer unterstützt, indem er ihnen alte Maissorten abkauft und in seinem Restaurant anbietet.

Bodenständig, dickköpfig und rebellisch, wie sie sind, verstehen sich die Hopfen- und Maismenschen über Sprachbarrieren hinweg. Folgeprojekte werden verabredet, Wissen und Erfahrungen sollen hin- und hertransportiert werden. Hopfen und Mais – noch sind sie nicht verloren.

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