„Wir brauchen weibliche Wirtschaft“

Die brasilianische Feministin Rose Marie Muraro im Gespräch. Interview: Mario Osava

Rose Marie Muraro. Photo: IPS

Rio de Janeiro (IPS) – Auch im Alter von 79 wird Rose Marie Muraro kein bisschen ruhiger. Muraro ist Pionierin des Feminismus in Brasilien und gehört zu den 1000 Friedensfrauen, die 2005 für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen wurden. Ein neues Buch ist schon wieder in Arbeit, nächstes Jahr soll es auf den Markt kommen. Darin fordert sie eine Abkehr von der „männlichen“ Wirtschaft des Wettbewerbs und der Gewinner und Verlierer hin zu einer „weiblichen“, basierend auf Zusammenarbeit und Solidarität.

Muraro hat bereits 35 Bücher geschrieben und rund 1.600 als Herausgeberin betreut – viele davon, ohne sehen zu können. Ihr Augenlicht erhielt sie erst mit 66 durch eine Operation. Aber auch als Blinde studierte sie Physik und Wirtschaftswissenschaften, zog fünf Kinder groß, baute die feministische Bewegung in Brasilien auf und kämpfte über 20 Jahre lang in vorderster Front gegen die Militärdiktatur.

Zusammen mit dem Priester Leonardo Boff wurde sie zu einer der wichtigsten Stimmen der Befreiungstheologie, die ein stärkeres politisches und soziales Engagement der katholischen Kirche für die Unterdrückten forderte. Es folgen Auszüge aus einem Interview, das IPS kürzlich mit der Frauenrechtlerin führte, die Brasilien 2005 per Sondergesetz in den Stand der ‚Herrin des Feminismus‘ (Patrona del Feminismo) erhob.

Frage: Frauen gehen inzwischen länger zu Schule, sind besser ausgebildet. Warum verdienen sie trotzdem weniger als Männer, werden schneller entlassen und häufiger in den informellen Sektor abgedrängt?

Muraro: Das ist viel besser geworden. Inzwischen verdienen Frauen immerhin 90 Prozent der Löhne der Männer. Viel hat damit zu tun, dass Frauen in den Parlamenten und anderen gesetzgebenden Versammlungen unterrepräsentiert sind. Frauen wählen eher Männer. Im Oktober wird in Brasilien das Präsidentenamt neu besetzt. Die Kandidatin Dilma Rousseff hat mehr Rückhalt bei Männern als bei Frauen. Das muss sich ändern.

Frauen halten sich immer noch für unterlegen, weniger fähig. Viele denken da konservativ, stützen das patriarchalische System und betrachten Männer als besser geeignet zu bestimmen, zu regieren. Und weil die Parteien sehen, dass Männer besser abschneiden, unterstützen sie ihre Wahlkämpfe auch mehr. Weibliche Kandidaten bekommen weniger Publicity und weniger Geld.

Seit der Erfindung der Pille hat sich aber schon viel geändert: Vor 40 Jahren waren nur fünf Prozent der Kongressabgeordneten Frauen, heute sind es doppelt so viele. Damit liegen wir in Brasilien immer noch weit hinter den skandinavischen Ländern, aber wir kommen dahin.

Hilft die Quotenregel, die allen Parteien vorschreibt, dass 30 Prozent der Kandidaten Frauen sein müssen?

Muraro: Wenig, weil die Parteien sich nicht daran halten und weil nicht genug Frauen den Mut aufbringen und sich zur Wahl stellen. Dazu kommen Kandidatinnen, die als Töchter, Frauen oder Schwestern prominenter Politiker antreten – ich möchte das mal „verzerrte Partizipation“ nennen.

Sie ziehen eine direkte Verbindungslinie zwischen der Gleichberechtigung der Geschlechter und einem Wandel des Wirtschaftssystems. Können Sie das näher ausführen?

Muraro: Die Wirtschaft ist nach wie vor essenziell maskulin geprägt, Dominanz, Wettbewerb, die Mathematik von Gewinn und Verlust und die Maximalisierung von Interessen bestimmen das System. Die weibliche Vision ist Win-Win, auf Zusammenarbeit und Solidarität und Vorrang des Individuums vor dem Profit ausgerichtet.

Eine konkrete Umsetzungsform sind zum Beispiel Mikrokredite für die Armen, die fast ausschließlich an Frauen vergeben werden, die weniger dazu tendieren, Kredite nicht zurück zu zahlen. Oder Experimente mit Solidarwirtschaft basierend auf Tauschhandel oder einer Binnenwährung. Eine Favela in Fortaleza im wirtschaftlich unterentwickelten Nordosten des Landes hat sich auf diese Weise zum Beispiel zu einem Mittelklasse-Stadtteil entwickelt.

Die Fürsorge-Wirtschaft, sei es Altenpflege oder Kinderbetreuung, ist komplett weiblich strukturiert, aber am Markt völlig unterbewertet. Wenn Frauen Macht haben, ändert sich die grundlegende Natur des Geldes. Das führe ich auch in meinem Buch ‚Kapital-Geld neu erfinden‘ („Reinventando o capital-dinheiro“) aus, das im ersten Halbjahr des kommenden Jahres herauskommen soll.

Fordert der Feminismus auch eine andere Wissenschaft und Technologie?

Muraro: Ja, Frauen gehen auch mit Wissenschaft anders um, sie arbeiten enger zusammen, konzentrieren sich auf Forschung, die dem Leben dient, allen zugute kommt. Frauen kämen nie auf die Idee, Zellen patentieren zu lassen, wie Craig Venter, der Mann hinter dem ‚Humane Genome Project‘.

Der Grund ist ganz einfach: Frauen tragen den Fötus aus, stillen das Baby, kümmern sich und sorgen für Menschen. Zahlen der Vereinten Nationen zeigen, dass 90 Prozent der Fürsorge-Arbeit weltweit von Frauen geleistet wird. 80 Prozent der Aktivitäten für die Umwelt, 90 Prozent der Antikriegs-Aktivitäten und 70 Prozent des Kampfes gegen Armut bestreiten Frauen.

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