Gute Beispiele aus

Welt: Indigene sind die besseren Waldhüter

Von Stephen Leahy


Interlaken, Schweiz, 24. September 2013  (IPS) – Fehlende Landrechte sind nicht nur für lokale Gemeinschaften existenzbedrohlich, sondern auch für die ganze Menschheit. Zu diesem Schluss kamen Teilnehmer einer internationalen Konferenz und forderten die Regierungen auf, mehr Land unter die Kontrolle der besseren Waldschützer zu stellen.

Um das Schlimmste abzuwenden, müssen den lokalen Gemeinschaften größere Flächen übereignet werden, hieß es auf der Veranstaltung ‚Community Land and Resource Rights‘, die vom 19. bis 20. September im schweizerischen Interlaken stattfand.

„Viele Anzeichen sprechen dafür, dass unsere Fähigkeiten, Klimawandel und Armut wirksam zu bekämpfen, die Ernährung zu sichern und die kulturelle und biologische Vielfalt zu gewährleisten, erheblich gelitten haben“, warnte Andy White von der ‚Rights and Resources Initiative (RRI), einem globalen Zusammenschluss aus 150 Organisationen, die sich für Waldrechte sowie für Strategie- und Marktreformen einsetzen.

Etwa 200 Teilnehmer aus 40 Staaten stellten sich angesichts des Landrauschs, in dem sich Holz-, Bergbau- und Agrarindustrie weltweit befinden, hinter die Forderung, die Landfläche unter Kontrolle indigener und lokaler Gemeinschaften bis 2018 zu verdoppeln.

„Wir müssen die Rechte derjenigen Menschen stärken, die auf dem Land leben“, betonte Duncan Pruett, Berater für Landrechte der Entwicklungsorganisation ‚Oxfam‘, die die Konferenz mit organisiert hatte. Er sprach von einem jahrhundertealten Problem, dass sich in dem Maße verschärfe, in dem der Ressourcenhunger zunehme.

Konfliktpotenzial

In vielen Entwicklungsländern erheben die Regierungen Anspruch auf mehr als 90 Prozent der Landmasse, obwohl sie seit Hunderten und Tausenden von Jahren von indigenen Völkern und lokalen Gemeinschaften bewohnt wird. Wie aus einer neuen Untersuchung hervorgeht, wurde bereits für jeden dritten Hektar Land, den indigene Gemeinschaften als Lebensraum nutzen und bewirtschaften, Konzessionen für die kommerzielle Ausbeutung vergeben.

Das ‚The Munden Project‘ hat mit Hilfe eines geographischen Informationssystems (GIS) 153 Millionen Hektar Land in zwölf afrikanischen, asiatischen und lateinamerikanischen Ländern erfasst, für das Konzessionen zur kommerziellen Nutzung vergeben wurden. Heraus kam, dass 31 Prozent aller kommerziellen Konzessionen für Gebiete gelten, die sich mit Territorien überlappen, auf die lokale Gemeinschaften Anspruch erheben.

Unternehmer und Investoren, die die Konzessionen besitzen, wissen oft nicht, dass das Land besetzt ist, da Landbesitz in Entwicklungsländern meist nicht geregelt ist. Dies führe häufig zu Protesten, Zusammenstößen und Gewalt, die die Profitabilität der Projekte einschränken, warnte Lou Munden. Diese Faktoren würden von Banken, Investoren, Versicherern und Unternehmen in ihren Risikoanalysen oftmals nicht berücksichtigt.

Wenn die 31 Prozent der Konzessionen für landwirtschaftliche Nutzflächen gelten, stünden Investitionen in Höhe von fünf Milliarden US-Dollar auf dem Spiel, so der Leiter des The Munden Project. Solche Zahlen sollten Investoren zum Nachdenken bringen.

Wollten Unternehmen ihre Investitionsrisiken möglichst klein halten, seien sie gut beraten, sich direkt mit den lokalen Gemeinschaften in Verbindung zu setzen, meinte Rukka Sombolinggi von der indonesischen Indigenenorganisation ‚Aliansi Masyarakat Adat Nusantara‘ (AMAN).

„Wir stehen Entwicklungsprojekten nicht grundsätzlich negativ gegenüber, doch muss sichergestellt sein, dass es sich dabei um die richtige Investition am richtigen Ort handelt.“

Es gibt heilige Stätten, in denen sich jedes Entwicklungsvorhaben von vornherein verbietet. Auch um sich Gewissheit über eine langfristige Stabilität der Vorhaben zu verschaffen, empfehle es sich, dass die Unternehmen direkt mit den lokalen Gemeinschaften sprächen, meinte die Indigenenführerin im IPS-Gespräch.

AMAN hatte das indonesische Verfassungsgericht angerufen, dass die Anerkennung indigener Landansprüche bestätigte. Die Regierung hatte Millionen Hektar Land als staatliche Waldgebiete beansprucht. Doch nun muss sie mindestens vier Millionen Hektar Land einschließlich kommerziell genutzter Flächen an die lokalen Gemeinschaften zurückgeben.

Wälder in indigener Hand besser dran



„Das ist ein großer Sieg für alle indigenen Völker der Welt“, meinte Vicky Tauli-Corpuz, Leiterin von ‚Tebtebba‘, dem internationalen Forschungs- und Bildungszentrum der indigenen Völker. „Ländereien und Wälder sind in indigener Hand besser aufgehoben als in staatlicher.“

Diese Meinung bestätigt eine jüngste Untersuchung, der zufolge tropische Regenwälder, die unter dem strikten Schutz der Regierungen stehen, höhere Entwaldungsraten aufweisen als von lokalen Gemeinschaften verwaltete Regenwälder. Die Studie des ‚Center for International Forestry Research‘ (CIFOR) hatte externe Experten mit der Durchführung von Fallstudien in 16 Ländern beauftragt, die feststellten, dass die Entwaldungsrate in Nationalparks und anderen staatlich geschützten Wäldern sechs Mal höher ist.

„Der Nutzen eines gemeindebasierten Managements über einen langen Zeitraum hinweg betrachtet führt zu einer größeren Mitwirkung am Schutz der Wälder, zu einem Rückgang der Armut, zu einer höheren wirtschaftlichen Produktivität und einem effektiveren Artenschutz“, betonte der Koautor der Studie, Manuel Guariguata.

Doch indigene Territorien stehen derzeit unter einem unerhörten Druck, als Nahrungsmittelanbauflächen ausgebeutet oder für Rohstoffe, Erdöl und Erdgas aufgerissen und verseucht zu werden. „National- und Bundesstaatenregierungen sind oftmals Teil des Problems“, erläuterte Tauli-Corpuz. „Wir versuchen die internationale Gemeinschaft dahin zu bringen, unser Recht auf Land anzuerkennen.“

Die Chanchen stehen gut, wie Andy White vom RRI auf der Konferenz in Interlaken bekräftigte. „Menschen, die ihr traditionelles Land schützen wollen, werden immer noch umgebracht oder vertrieben. Doch könnten wir an einem Wendepunkt zugunsten der Anerkennung von Gemeindeland angekommen sein“, meinte er im IPS-Gespräch.

Peru, Belize und andere Länder erkennen diese Rechte inzwischen an. Landstreitigkeiten in Indien, Kambodscha und anderswo befördern den politischen Wandel. Und es gibt inzwischen einige Unternehmen, die die indigenen Landrechte unterstützen. Zudem hatten im vergangenen Juli die reichen G8-Staaten in Irland „beispiellose Zugeständnisse“ zur Sicherung von Landrechten und einem verbesserten Umgang mit Land gemacht.

„Die Bedingungen für einen historischen Schritt sind gegeben“, erklärte White. „Damit das Überleben von Mensch und Planet gesichert werden kann.“

 

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