Gute Beispiele aus

Welt: Glaubensgemeinschaft statt Glaubenskriege – Zwischenstaatliche Allianz setzt auf Dialog

Muslimische Rohingya werden in Myanmar als Minderheit verfolgt – Bild: Anurup Titu/IPS



Muslimische Rohingya werden in Myanmar als Minderheit verfolgt – Bild: Anurup Titu/IPS

Von Kanya D’Almeida

New York, 18. Juni 2014 (IPS) – Heilige Männer mit heiligen Büchern haben in der Geschichte der Menschheit eine Spur von Tränen und Blut hinterlassen. Aus der Stille der Tempel wird der Mob zum Angriff auf Andersgläubige losgeschickt, von Kanzeln und Minaretten aus die Botschaft des Hasses verkündet. Viel zu lang schon wird Religion dazu missbraucht, Gewalt zu säen und Konflikte anzuheizen.
Eine zwischenstaatliche Allianz hat es sich nun aber zur Aufgabe gemacht, die unterschiedlichen Religionen mit der Hilfe des Dialogs zusammenzubringen. Die Unterscheidung zwischen ‚deinem Gott‘ und ‚meinem Gott‘ müsse endlich ein Ende haben, sagen die Beteiligten.

„So etwas wie einen Glaubenskrieg gibt es gar nicht“, erklärte Faisal Bin Abdulrahman Bin Muammar, Generalsekretär des ‚King Abdullah Bin Abdulaziz International Centre for Interreligious and Intercultural Dialogue‘ (KAICIID), auf einer Pressekonferenz in New York am 11. Juni. „Religion lehnt den Konflikt ab. Gewalt im Namen des Glaubens ist Gewalt gegen Religion.“

Das in Wien ansässige Zentrum besteht aus einem Rat der Regierungen Österreichs, Spaniens und Saudi-Arabiens. Der Heilige Stuhl ist Gründungsbeobachter. Im Vorstand sitzen religiöse Führer der fünf führenden Weltregionen Christentum, Islam, Judentum, Hinduismus und Buddhismus. Gemeinsam wollen sie einen Bottom-up-Prozess in Gang setzen, der lokale Religionsgruppen und Geistliche einbezieht und motiviert, damit sie sich für den interreligiösen Frieden, für Konfliktprävention und Entwicklung einsetzen.

Religion missbraucht



Das Zentrum schätzt, dass sich acht von zehn Menschen mit einer dieser fünf organisierten Religionen identifizieren. Fast alle von ihnen dürften sich selbst als friedfertig einstufen. 
Doch Politiker und Extremisten haben die den Religionen innewohnende tolerante und friedvolle Natur aus meist eigennützigen Interessen vereinnahmt, um ihre eigenen oftmals auf Gewalt und Polarisierung ausgerichteten Ziele voranzubringen.

Nur durch einen substanziellen Dialog könnten Menschen dazu befähigt werden, ihre Angst vor den anderen zu überwinden und gemeinsam an einer inklusiven und toleranten Welt zu arbeiten, lautet das Credo von KAICIID. Und es kommt zur rechten Zeit, wie die Ergebnisse einer Untersuchung des Pew-Forschungszentrums über die Situation in 198 Ländern, in denen 99,5 Prozent der Weltbevölkerung leben, zeigen. So haben die sozialen Feindseligkeiten, die mit Religion in Verbindung stehen, auf jeden Kontinent mit Ausnahme des amerikanischen zugenommen.

Dem Bericht zufolge „hat sich die Zahl der Länder mit religionsbezogener terroristischer Gewalt im Verlauf der letzten sechs Jahre verdoppelt“. 2012 kam es demnach in 20 Prozent der Länder zu religionsbezogenen Terrorakten. Gegenüber 2007 ist dies eine Zunahme von elf Prozent.

Die Hälfte aller Länder in Nahost und Nordafrika erlebte 2012 religionsbezogene Gewalt, wodurch der globale Durchschnitt dieser Feindseligkeiten seit 2007 von acht auf 18 Prozent gestiegen ist. In einem einzigen Jahr, zwischen 2011 und 2012, legte die Zahl der Nationen, die von einem sehr hohen Maß an religiösen Feindseligkeiten heimgesucht wurden, von 14 auf 20 Prozent zu. Sechs dieser Staaten – Syrien, der Libanon, Bangladesch, Thailand, Sri Lanka und Burma – hatten 2011 weniger mit solchen Feindseligkeiten zu tun als 2012.

Die Lage hat sich auch für die religiösen Minderheiten verschlechtert. So kam es in 47 Prozent der untersuchten Staaten zu gewalttätigen Zwischenfällen. 2011 waren es 38 Prozent gewesen. „Im mehrheitlich buddhistischen Sri Lanka zum Beispiel attackierten Mönche die Gebetsstätten von Muslimen und Christen. Dazu gehört der Angriff auf eine Moschee in der Stadt Dambulla im April 2012, die Besetzung einer Kirche der Siebenten-Tags-Adventisten in der Stadt Deniyaya und deren Umwandlung in einen buddhistischen Tempel im August 2012″, so das Pew-Forschungsinstitut.

Zusammenarbeit mit UN und anderen Akteuren 

Dieses düstere Szenario lässt sich laut KAICIID leicht ändern. Der Generalsekretär der Organisation hat in diesem Monat mit dem Chef der Vereinten Nationen, Ban Ki-moon, über Möglichkeiten der Zusammenarbeit gesprochen. Die UN hat sich über Unterorganisationen und Initiativen wie der Allianz der Zivilisationen (UNAOC) zur Förderung des Verständnisses zwischen Ländern oder Identitätengruppen verpflichtet.

Visionen können erst dann Wirklichkeit werden, wenn sie auf Graswurzelebene gefördert werden. Diese Erkenntnis hat KAICIID aus seiner Arbeit gezogen. Obwohl erst seit einem Jahr aktiv, kann die Organisation bereits einige bemerkenswerte Erfolge vorweisen. Dazu gehört ein interreligiöser Dialog in der Zentralafrikanischen Republik (CAR), wo hunderte Menschen seit dem Ausbruch eines Konflikts 2012 getötet und mehr als 500.000 vertrieben wurden.

“Vom 8. bis 9. Mai haben wir mit religiösen Führern in der CAR gesprochen, sie mit denen anderer afrikanischer Staaten zusammengebracht und gleichzeitig sichergestellt, dass wir mit denjenigen kooperieren, die ähnlich denken wie wir“, erläuterte Hillary Wiesner, Leiterin der KAICIID-Programme.

Religiöse Gruppen sind wichtige Entwicklungspartner 



Nach Angaben von Katherine Marshall, Chefin des ‚World Faiths Development Dialogue‘ (WFDD), der die Kluft zwischen religiöser und weltlicher Entwicklung zu überwinden trachtet, werden zwischen sieben und 70 Prozent der Gesundheitsleistungen in Subsahara-Afrika von religionsnahen Gruppen erbracht. „Diese Institutionen bilden das größte einzelne System zur Bereitstellung von Leistungen“, betonte sie und wies darauf hin, dass ohne diese religiösen Organisationen die Millenniumsentwicklungsziele (MDGs) zur Armutsbekämpfung keine Chance hätten.

Laut einer Untersuchung der Weltbank von 2008 schließen die glaubensbasierten Organisationen auf dem afrikanischen Kontinent die Lücken, die die jeweiligen Staaten hinterlassen. So belief sich der Hilfeetat der evangelischen Organisation ‚World Vision‘ 2002 auf 1,25 Milliarden Dollar.

Das in Malawi operierende ‚Christian Service Committee of the Churches‘ stellt mit seinem jährlichen Portfolio die gesamte Entwicklungshilfe der Regierung in den Schatten. Und in Südafrika hat die katholische Kirche 2012 mehr antiretrovirale Behandlungen für HIV/Aids-Patienten bereitgestellt als der Staat.

Viel zu oft wird das enorme Potenzial der religiösen Organisationen durch Berichte über einige wenige Negativbeispiele in Verruf gebracht. Dazu gehören die Anti-Schwulen-Gesetze in Uganda und Nigeria und die religiösen Konflikte in der CAR und in Mali, wie Marshall kritisierte. „Gerade deshalb ist es so wichtig, zunächst für Anerkennung und dann für eine religiöse ‚Alphabetisierung‘ zu sorgen.“ Marshall ist der Meinung, dass die Menschen viel zu wenig über Religionen Bescheid wissen. So hätten sie keine Ahnung, wo die Konferenzen der katholischen Bischöfe stattfänden oder worin sich sunnitische von schiitischen Muslimen unterschieden.

Als weiteres fehlendes Puzzleteil bezeichnete sie die Anerkennung der Rolle religiöser Frauen in der Friedenssicherung. „Frauen mit religiösen Beziehungen – seien es nun Nonnen oder Musliminnen – bleiben meist unsichtbar, weil sie keine formellen Positionen bekleiden. Dabei leisten sie einen wichtigen Beitrag zum Frieden“, betonte Marshall.

Wiesner zufolge lässt sich Religion nicht einfach als ein Unterpunkt der Kultur abhandeln. „Die religiösen und spirituellen Dimensionen im Leben einzelner Menschen und in der Gesellschaft gehen tiefer. Wir müssen verantwortliche Wege fördern, die ein Ausleben der unterschiedlichen Religionen zum Wohl aller Menschen ermöglichen.“

 

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