Gute Beispiele aus

Welt: Frauen nehmen Umweltschutz in die eigene Hand

Die indische Aktivistin Suryamani Bhagat setzt sich für die Waldrechte ihrer Volksgruppe im ostindischen Bundesstaat Jharkhand ein – Bild: Amantha Perera/IPS

Von Amantha Perera

Bali, 8. August 2014 (IPS) – Die indonesische Umweltschützerin Aleta Baun, in ihrem Dorf als Mama Aleta bekannt, hat eine Vorliebe für einen ganz bestimmten Schal, den sie sich um den Kopf schlingt. Er vereinigt die Farbabstufungen, die in den Wäldern ihres Volkes der Mollo in Westtimor, einem Teil der indonesischen Provinz East Nusa Tenggara, zu finden sind.

„Für mein Volk bedeutet der Wald Leben“, sagt Aleta gegenüber IPS. „Die Bäume sind wie die Poren unserer Haut, die Gewässer wie das Blut, das durch uns hindurchfließt. Der Wald ist unsere Mutter.“ Die Preisträgerin des Goldman-Umweltpreises von 2013 vertritt eine wachsende, von einfachen und oftmals armen Frauen geführte internationale Umweltschutzbewegung.

Viele Jahre lang bildete Aleta die Speerspitze der Bestrebungen der Mollo, die Zerstörung der Wälder durch Bergbauunternehmen in den Mutis-Bergen, die den westlichen Teil der Insel Timor umschließen, aufzuhalten. Lange Zeit lebten die Indigenen in Harmonie und Eintracht mit den heiligen Wäldern. Die Böden brachten hervor, was die Menschen brauchten – auch die Pflanzen, aus denen sich ihre Farben für die Webarbeiten gewinnen lassen, ein Handwerk, das die Frauen der Ethnie seit Jahrhunderten kultivieren.

Doch in den 1980er Jahren suchten die Unternehmen in den Bergen nach Marmor. Sie beschafften sich die erforderlichen Genehmigungen der lokalen Behörden, fällten die Bäume und begannen mit den Förderarbeiten, die zur Verschmutzung der in den Mutis-Bergen entspringenden westtimorischen Flüsse führten.

Aufklärung und Protest 



Die Dorfbewohner stromabwärts bekamen die negativen Folgen dieser wirtschaftlichen Aktivitäten direkt zu spüren und sprachen von einem Anschlag auf ihre Lebensweise. Deshalb machten sich Mama Aleta und drei andere indigene Mollo-Frauen zu Fuß in andere entlegene Dörfer auf, um die Menschen über die ökologischen Auswirkungen zu unterrichten.

Während einer ihrer Wanderungen im Jahr 2006 wurde Aleta von einer Gruppe Männer, die ihr aufgelauert hatten, angefallen und niedergestochen. Doch unbeeindruckt von dem Vorfall, den sie überlebte, machte die Aktivistin mit ihrer Aufklärungsarbeit weiter. „Mir kam es damals so vor, als werde mein Land vergewaltigt. Dem konnte ich doch nicht tatenlos zusehen.“

Die Bewegung gipfelte in einer friedlichen ‚Besetzung‘ des umstrittenen Berges. Aleta führte eine Gruppe von 150 Frauen an, die sich aus Protest gegen die Zerstörung auf dem Bergbaugelände niederließen und dort an ihren Tüchern webten. „Wir wollten den Unternehmen damit klarmachen, dass sie uns unsere Kleider rauben, indem sie unsere Bäume niederschlagen und den Berg in seiner Nacktheit zurücklassen.“

Ein Jahr später sahen sich die Bergbaufirmen gezwungen, ihre Operationen an vier Stellen innerhalb des Mollo-Territoriums einzustellen. Am Ende wurde das das gesamte Unternehmen aufgegeben.

Inzwischen wächst die Zahl von Frauen wie Aleta, die in Afrika, Asien und Lateinamerika ihre Dörfer im Kampf gegen die Umweltzerstörung anführen. Kein Wunder, denn nach Angaben des UN-Klimasekretariats (UNFCCC) gehören Frauen zu den für extreme Wetterereignisse besonders anfälligen Bevölkerungsgruppen.

Hinzukommt, dass die weltweit etwas 560 Millionen Kleinbäuerinnen zwischen 45 und 80 Prozent der Nahrungsmittel weltweit produzieren, während sie nach Angaben von ‚UN Women‘ in Asien und in Afrika südlich der Sahara zusammengenommen etwa 200 Millionen Stunden pro Tag zum Wasserholen unterwegs sind. Jede noch so kleine Klimaveränderung bekommen sie zu spüren. Nach Angaben von Lorena Aguilar, Frauenberaterin beim Weltnaturschutzbund (IUCN), bringen in einigen Teilen Indiens Frauen 30 Prozent ihrer Zeit mit der Suche nach Wasser zu. „Ihre Rolle und die Umwelt sind in einem symbiotischen Zusammenhang zu sehen.“

Normale Mütter vollbringen Meisterleistungen 



Im ostindischen Bundesstaat Jharkhand arbeitet Suryamani Bhagat, Gründerin des Zentrums für indigene und kulturelle Rechte der Torang, mit Frauen in ihrem Dorf Kotari zusammen, um die kostbaren Wälder des Bundesstaates zu schützen. Unter dem Schirm der Rettet-die-Wälder-Bewegung von Jharkhand, die lokal als ‚Jharkhand Jangal Bachao Andolan‘ bekannt ist, brachte Bhagat anfangs 15 Adivasi-Frauen zusammen, um gegen Versuche eines vom Bundesstaat ernannten Beamten vorzugehen, der eine Baumschule mit Arten hochziehen wollte, die vom Biodiversitätsanspruch her oder als Nahrungspflanze für die von dem Land lebenden Dorfbewohner uninteressant waren.

Das ließen sich die Frauen nicht gefallen. In Begleitung ihrer Kinder, Männer und Dorfälteren gingen sie zur lokalen Polizeistation, pflückten und aßen die Früchte der Guavenbäume, die sich auf dem Grundstück des Reviers befanden und erklärten dem Dienst habenden Beamten, dass sie ausschließlich Bäume haben wollten, von denen die Dorfbewohner auch etwas hätten. 

Zu einem anderen Anlass, als die Polizei in der Ortschaft auftauchte, um die Anführerinnen einschließlich Bhagat festzunehmen, erklärten sie, dass sie bereit seien, sich mit ihren Kindern und ihrem Vieh, die sie ja versorgen müssten, freiwillig ins Gefängnis zu begeben. Daraufhin zog sich die Einsatztruppe unverrichteter Dinge zurück.

Auch führen die Frauen in den Wäldern Patrouillen durch, um sicherzustellen, dass nur die notwendigste Menge Holz geschlagen wird.

Bhagat zufolge profitiert das Dorf im Jharkhand-Bezirk Ranchi davon, dass die Umweltschutzmaßnahmen von Frauen ergriffen werden. „Wäre ich ein Mann, hätte man mich längst verhaftet und eingesperrt“, sagt gegenüber IPS. „Doch weil wir Frauen zusammenstehen, hat die Polizei Skrupel, gegen uns vorzugehen.“

Mehr als 7.000 Kilometer entfernt, auf dem pazifischen Inselstaat Papua-Neuguinea, ist Ursula Rakova für eine Frauenbewegung aktiv, die die Menschen vor den verheerenden Folgen des Klimawandels für das Carteret-Atoll bewahren will. Die kleinen Inseln, aus denen das Atoll besteht, erstrecken sich über eine Gesamtfläche von 0,6 Quadratkilometern. Die höchste Stelle ragt gerade einmal 1,5 Meter aus dem Meer.

Seit fast 20 Jahren kämpft die Lokalbevölkerung gegen den Anstieg der See, der bereits die Grundwasservorräte kontaminiert, die Siedlungen verdrängt und die Landwirtschaft unmöglich gemacht hat.

Das Nationale Gezeitenzentrum im Meteorologischen Büro der australischen Regierung ist nicht bereit, Langzeitprojektionen für die Atolle zu erstellen. Doch die Medien warnen bereits, dass die Inseln schon 2015 komplett untergegangen sein könnten.

2006 gab Rakova auf die Bitte eines lokalen Ältestenrats ihren gut bezahlten Job auf der Nachbarinsel Bougainville auf und kehrte nach Carteret zurück, wo sie beim Aufbau der Nichtregierungsorganisation (NGO) ‚Tulele Peisa‘ half, die angesichts der staatlichen Untätigkeit den freiwilligen Umzug der Lokalbevölkerung plant und umsetzen wird.

„Unsere Lebensweise, die im Meer versinkt.“

Die NGO tritt für die Rechte der indigenen Inselbewohner ein, erschließt alternative Verdienstmöglichkeiten und sichert Familien und Einzelpersonen sozial ab, die bereits ihr Land verloren haben. „Das ist meine Insel, das ist mein Volk. Ich werde es nicht im Stich lassen“, sagt Rakova gegenüber IPS. „Es ist unsere Lebensweise, die im Meer versinkt.“

Rakova, Mama Aleta und Suryamani Bhagat sind einfache Frauen und Mütter, die ungewöhnliche Wege gehen, um ihren Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen und zu verhindern, dass ihnen Außenstehende, die keinen Sinn für ihre Kultur und Traditionen haben, ihre Lebensweise diktieren.

Wie Michael Mazgaonkar, der in Indien stationierte Koordinator und Berater für den ‚Global Greengrants Fund‘ (GGF), erklärte, haben Frauen schon immer eine wichtige Rolle im Umweltschutz gespielt. Neu sei die zunehmende globale Bedeutung, die ihnen als furchtlose Streiterinnen, Verteidigerinnen und Verwalterinnen der Natur zukomme. „Die expandierende Rolle von Frauen als Klimaschutzanführerinnen erfolgt graduell“, so Mazgaonkar. „In einigen Fällen haben die Umstände sie zum Handeln getrieben, in anderen Fällen übernahmen sie freiwillig die Führerschaft.“

Der GFF-Geschäftsführerin Terry Odendahl zufolge leisten Männer für den Umwelt- und Klimaschutz genauso gute Arbeit wie Frauen. Doch historisch gesehen sei die Bedeutung der Frauen unterschätzt worden. „Wir müssen den Raum bereitstellen, den sie brauchen, um sich Gehör zu verschaffen. Wenn wir die Mitbestimmungsmöglichkeiten der Frauen erhöhen“, betont sie, „können wir die schlimmen ökologischen Probleme, die auf uns zukommen, zumindest abfedern“.

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