Gute Beispiele aus

Senegal: Großmütter gegen weibliche Beschneidung

Junge Muslimin im Senegal. Foto: Evan Schneider, UN Photos

Von Soumaila T. Diarra



Bamako, 28. Dezember 2012 (IPS) – In Kael Bessel, einem Dorf im Süden Senegals, ist die Beschneidung weiblicher Genitalien kein Tabuthema mehr. Jung und Alt diskutieren offen über Pro und Kontra eines solchen Eingriffs. „Wir sind inzwischen der Ansicht, dass wir von der Praxis wegkommen müssen“, meint die 60-Jährige Fatoumata Sabalay. „Schließlich kann sie schwere Blutungen und andere Nebenwirkungen auslösen und sogar tödlich verlaufen“.

Wie in vielen westafrikanischen Ländern sind es auch im Senegal in aller Regel die Großmütter, die entscheiden, ob ein junges Mädchen beschnitten wird. Eine 2008 in Vélingara im Süden des Senegals durchgeführte Studie fand heraus, dass damals fast 60 Prozent der älteren Frauen für die Praxis waren. Doch drei Jahre später heißt es in einer anderen, im Rahmen des sogenannten ‚Großmutterprojekts‘ durchgeführten Untersuchung, dass 93 Prozent der gleichen Personengruppe nun gegen die weibliche Genitalverstümmelung (FGM) seien.

Das Großmutterprojekt ist eine international tätige Nichtregierungsorganisation, die den Dialog innerhalb der Gemeinschaften zu Kulturfragen fördert. Es hat dazu beigetragen, dass sich die Bewohner in rund 30 Dörfern im Umfeld von Vélingara regelmäßig zusammenfinden, um über lokale Traditionen und Werte zu diskutieren. Thematisiert wird auch ‚Koyan‘, der mit FGM in Verbindung gebrachte Initiationsritus.

Folgen abwägen



Religiöse Führer, traditionelle Chiefs, Lokalpolitiker, junge und ältere Menschen finden sich gleichermaßen zu den Gesprächen zusammen. Die öffentlichen Debatten führen dazu, dass sich die Teilnehmer öffnen und das Für und Wider kultureller Praktiken gegeneinander abwägen. „Dass die weibliche Beschneidung mehr Nachteile als Vorteile hat, bringt die Menschen von ihr ab“, erläutert Falilou Cissé, eine Gemeindeentwicklungsberaterin des Großmutterprojekts in Vélingara. „Die Menschen haben die Praxis von sich aus aufgegeben. Wir haben sie nie dazu gedrängt“, meint sie.

Auf den Treffen wird auch der erzieherische Beitrag der Großmütter innerhalb der afrikanischen Gesellschaften betont. Sie können ferner das Schweigen um die FGM brechen. „Ich war wie viele lange für die Beschneidung von Mädchen gewesen, doch die öffentliche Auseinandersetzung mit dem Thema hat dazu geführt, dass ich meine Meinung geändert habe. Ich habe gelernt, dass es einige Werte gibt, die wir beigehalten sollten, und andere, die es abzuschaffen gilt“, meint Abdoulaye Baldé, der Imam der Moschee in Vélingara.

Die regelmäßige Teilnahme Baldés an den Treffen hat zu der allgemeinen Einsicht geführt, dass Musliminnen nicht aus religiösen Gründen dazu verpflichtet sind, sich beschneiden zu lassen. Gerade die Einbindung einflussreicher Persönlichkeiten hat entschieden dazu beigetragen, dass die Großmütter ihre Einstellung zur FGM geändert haben.

Fatoumata Baldé arbeitet als Krankenschwester in Kandia, einem Dorf in der Nähe von Vélingara. Wie sie berichtet, geht der letzte Beschneidungsfall, an den sie sich erinnern kann, auf das Jahr 2010 zurück. „Vorher war es normal, dass wir viele Frauen nachbehandeln mussten, die schlecht beschnitten worden waren“, sagt sie.

Hoffnung auf die Gemeinden

Der malische FGM-Experte Boubacar Bocoum hält das Experiment in Vélingara für äußerst vielversprechend. Es gebe Anlass zu Hoffnung, dass in der gesamten Region irgendwann einmal Beschneidungen passé sein dürften. Meistens würden Beschneiderinnen in den Vordergrund der Aufklärungsarbeit gerückt. „Doch in Wirklichkeit ist die weibliche Genitalverstümmlung ein Problem der Gemeinden“, sagt er. Solange sich nicht die gesamte Gemeinschaft von der FGM distanziere, bestehe diese weiter fort.

Wie aus seiner Studie der Hilfsorganisation ‚Plan International‘ von 2006 hervorgeht, wird die FGM praktisch im gesamten westafrikanischen Raum praktiziert. „In Guinea, in Sierra Leone und in Mali sind quasi alle Frauen beschnitten“, heißt es in dem Bericht. „Im Niger und in Ghana beschränkt sie sich auf einige wenige Gebiete und wird von nur zehn Prozent der Bevölkerung praktiziert.“

 

 

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