Gute Beispiele aus

Peru: Mit dem Webstuhl aus dem Koma – Frauen bauen kriegstraumatisiertes Dorf wieder auf

Von Milagros Salazar

Dora Huancahuari am Webstuhl. Foto: Milagro Salazar

Lucanamarca, Peru, 4. Juli 2011 (IPS) – Flink verknüpft Dora Huancahuari rosa, grüne und türkisfarbene Fäden auf einem hölzernen Webstuhl. Gemeinsam mit einigen Nachbarinnen hat sich die Indígena in dem südperuanischen Anden-Dorf mit ihrer Arbeit selbständig gemacht. Aus eigener Kraft suchen die Frauen in der armen Region, die durch Armut und Bürgerkrieg gezeichnet ist, neue Lebensperspektiven.

An diesem Samstagnachmittag ist wenig los auf den Straßen der Stadt Santiago de Lucanamarca, die auf einer Höhe von 3.490 Metern liegt. In der Gebirgsregion Ayacucho, die von tiefen Tälern durchzogen wird, arbeiten die meisten Menschen in der Landwirtschaft. Doch Dora und zwei andere Frauen sind damit beschäftigt, farbenprächtige Decken, Pullover und Taschen herzustellen.

Die fertigen Waren verkaufen die Weberinnen auf dem Markt in der Regionalhauptstadt Ayacucho. „Wir verdienen damit Geld für unsere Kinder“, erzählt die fünffache Mutter Dora. Dabei zieht sie weiter ihr Weberschiffchen durch die Fäden.

In Lucanamarca liegt das monatliche Durchschnittseinkommen einer Familie bei umgerechnet 62 US-Dollar. Die Gemeinde mit etwa 2.700 Einwohnern gilt damit als extrem arm. Laut dem Bericht des UN-Entwicklungsprogramms UNDP von 2005 ist sie das Schlusslicht auf dem Index für menschliche Entwicklung in der Provinz Huanca Santos.

Fast alle Bewohner der Stadt gehören den indigenen Ethnien Quechua und Aymara an. Lediglich 2,4 Prozent von ihnen verfügen zu Hause über sanitäre Anlagen. Nur 480 Haushalte besitzen ein Radio und 84 einen Fernseher. Der Großteil der Ureinwohner lebt von der Schafszucht und dem Anbau von Kartoffeln und Luzernen.

Dutzende Menschen bei Massaker im Bürgerkrieg erschlagen

Der Bürgerkrieg zwischen 1980 und 2000 hat in der Region seine Spuren hinterlassen. In Ayacucho lieferten sich die maoistischen Rebellen des ‚Leuchtenden Pfades‘ heftige Gefechte mit der Armee. Bei einem der schlimmsten Massaker tötete am 3. April 1983 eine Gruppe von Guerilleros 69 Einwohner von Lucanamarca mit Äxten und Macheten. Unter den Opfern waren auch Frauen, Kinder und ältere Menschen. Die Rebellen nahmen Rache, weil sich die Stadt nicht ihren Befehlen unterordnen wollte.

23 Jahre später erhielt der ehemalige Anführer des Leuchtenden Pfades, der seit 1992 inhaftierte Abimael Guzman, wegen Anstiftung zu dem Massaker zum zweiten Mal eine lebenslange Haftstrafe. „Nach diesen grausamen Vorfällen war der Ort nicht mehr derselbe“, sagt Angel Huamanculi Matías, der vor fünf Monaten zum Bürgermeister ernannt wurde. „Die Leute wollten sich nicht in die Gemeindearbeit einbringen und waren für keine neue Initiative offen.“

Die Weberinnen haben aber unter Beweis gestellt, dass die Apathie nach dem Schock überwunden werden kann. Die erste Phase ihres Projekts findet in Lucanamarca und der nahegelegenen Gemeinde Carmen de Alanya statt, wo sich Frauen in einer Kooperative zusammengeschlossen haben.

Während des Bürgerkriegs sei das „soziale Gewebe“ zerstört worden, sagt die Historikerin Carola Falconi von der unabhängigen peruanischen Menschenrechtskommission (COMISEDH). „Genau da setzt das Weberinnenprojekt an, in dem Frauen auf ein gemeinsames Ziel hinarbeiten und ihre Lebensbedingungen verbessern.“

Um das Projekt längerfristig auf eine solide Grundlage zu stellen, arbeitet COMISEDH seit dem vergangenen Jahr mit Empfängern staatlicher Sozialleistungen zusammen. Im Rahmen des Programms ‚Juntos‘ erhalten extrem arme Mütter monatlich umgerechnet 36 Dollar.

Allein in Lucanamarca beziehen mehr als 50 Frauen solche Zuschüsse. Zehn von ihnen wurden bereits in das Handwerksprojekt aufgenommen. „Wir haben mehrere alte Webstühle repariert und Lehrer gesucht, die den Frauen die richtige Webtechnik zeigen konnte, erklärt der Regionalleiter von COMISEDH, Ramiro Valdivia.

Weberinnen brauchen Mikrokredite

Die Frauen wollen ihren Verein nun registrieren lassen, um Zugang zu Mikrokrediten zu erhalten. Dann können sie ihre Aktivitäten selbst verwalten und ihre Produkte direkt auf dem Markt verkaufen. Nach Ayacucho ist man allerdings gut sechs Stunden lang auf kurvenreichen Straßen unterwegs, obwohl die Stadt nur 180 Kilometer entfernt liegt.

Bis jetzt hilft COMISEDH als Zwischenhändlerin den Weberinnen dabei, bunt bestickte Taschen in der peruanischen Hauptstadt Lima, 360 Kilometer nordwestlich von Lucanamarca, zu verkaufen.

Die 29-jährige Vilma Matías berichtet stolz, dass sie eine Decke für umgerechnet 22 Dollar abgesetzt hat. „Damit kann ich einen Teil der Schulkosten für meine Kinder zahlen“, sagt sie. Wie viele andere Einwohner von Lucanamarca hat auch sie während des Bürgerkriegs einen Angehörigen verloren. Ihr Bruder wurde hoch oben in den Bergen umgebracht. Aus Angst wagte es die Familie nicht, den Leichnam zu bergen.

Ehemänner wollen Frauen ans Haus binden

In Friedenszeiten müssen die Weberinnen mit anderen Problemen fertig werden. Oftmals sind ihre Männer nicht damit einverstanden, dass sie selbständig arbeiten. Denjenigen, die durch das ‚Juntos‘-Programm Geld bekommen, wird häufig vorgeworfen, ihre Pflichten in Familie und Haushalt zu vernachlässigen, wie COMISEDH in einer 2010 veröffentlichten Studie feststellt. Der nach wie vor weit verbreitete Machismus habe dazu geführt, dass zahlreiche Männer ihre Frauen verlassen hätten oder fremdgegangen seien, heißt es darin.

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