Gute Beispiele aus

Palästina: ‚Singing Sexuality‘ – Jugendprojekt bricht Tabus

Von Jillian Kestler-D’Amours



Jerusalem, 27. Mai 2013 (IPS) – Ein neues Multimedia-Projekt will in den Palästinensergebieten Barrieren abbauen, die bisher jede öffentliche Diskussion über traditionelle Tabuthemen wie Sexualität und sexuelle Minderheiten hemmen. 

“Wir wollen mit einer ehrlichen Debatte beginnen, in der auch harte Fragen zur Sprache kommen“, erklärt Haneen Maikey, die Direktorin des in Jerusalem ansässigen ‚Al Qaws-Zentrum für sexuelle und Gender-Diversität‘. „Wir werden ein sicheres Umfeld schaffen, damit wir über diese Themen frei diskutieren können.“

Al Qaws steht hinter dem neuen Projekt ‚Singing Sexuality‘ oder ‚ghanni a’an taa’rif‘ auf Arabisch, das am 25. Mai nach fast zwei Jahren Vorbereitung in Haifa vorgestellt wurde. Etwa 80 Freiwillige haben sich daran beteiligt.

Das Projekt, das Fotos, Videos, Musik und Zeugnisse kombiniert, will junge Palästinenser über den Unterschied zwischen den Geschlechtern, Sexualität sowie über die Rechte von Lesben, Schwulen, Bi- und Transsexuellen (LGBT) aufklären. Ziel ist es, Gespräche zwischen Freunde und Familienmitgliedern und Debatten in der Gesellschaft anzuregen.

Die Aktivist_innen haben bereits Mitte Mai eine interaktive Website mit Informationen zu diesen Themen freigeschaltet. Unter anderem wurden drei kurze Videos und ein Musikalbum gepostet, die unter Beteiligung palästinensischer Musiker und Schriftsteller entstanden waren. „Das Projekt hat die Künstler dazu gebracht, noch mehr Tabuthemen anzuschneiden und auf eine neue spielerische Art mit Sexualität und sexuellen Minderheiten umzugehen“, sagt Maikey.

Jugendliche durch Musikbotschaften erreicht



Dadurch, dass unterschiedliche Musikgenres wie Rock und traditionelle arabische Volkslieder präsentiert und über Social-Media-Kanäle wie Facebook und Twitter verbreitet werden, kann das Projekt palästinensische Jugendliche direkt erreichen.

„Meiner Ansicht nach ist dieses Projekt einzigartig, weil es mit Musik auf die Menschen zugeht. Ich glaube nicht, dass wir vorher zu ihnen Zugang hatten“, meint Alaa aus Haifa, der sich als Freiwilliger von Anfang an für ‚Singing Sexuality‘ engagiert hat. „Das Projekt ist sehr wichtig, weil es im Internet für jeden sichtbar ist. Wenn wir einige Leute zum Nachdenken bringen, ist das Ziel bereits erreicht. Wir wollen niemanden zum Umdenken zwingen, sondern einen Dialog anstoßen.“

Safa Tamish leitet ‚Muntada‘, das Arabische Forum für Sexualität, Bildung und Gesundheit. Über Sexualität im Allgemeinen und über LGBT im Besonderen werde nicht offen gesprochen, sagt sie. In den vergangenen Jahren sei jedoch in der palästinensischen Gesellschaft deutlich geworden, dass an diesen Themen ein verstärktes Interesse bestehe.

„Die Wahrnehmung der Menschen hat sich verändert“, erklärt Tamish. „Ich will damit nicht sagen, dass die palästinensische Gesellschaft jetzt für die Rechte von Schwulen eintritt. Das Thema wird aber mehr und mehr angenommen. Wir wissen von vielen Familien, die das bei ihren Kindern akzeptiert haben.“

Tamish hat beobachtet, dass sich in den vergangenen vier bis fünf Jahren in der Gesellschaft einiges verändert hat. Die Entwicklung bei den LGBT und die Kämpfe für die Rechte Homosexueller verliefen ähnlich wie in anderen Ländern, sagt sie. Solche Bewegungen seien in Städten wie Ramallah oder Haifa sichtbarer als in ländlichen Gebieten, wo die Menschen generell konservativer seien.

Teil der nationalen Emanzipation von Palästinensern

“Die sexuelle Befreiung ist Teil unserer nationalen Befreiung. Sie muss parallel dazu ablaufen“, meint Tamish. „Ich setze mich dafür ein, zum Aufbau der Zivilgesellschaft in Palästina beizutragen. Dazu gehört die Arbeit für sexuelle Rechte.“

Auch Maikey sieht das Projekt ‚Singing Sexuality‘ als Teil des weiter gefassten Kampfes der Palästinenser gegen die israelische Besatzung, Kolonialismus und Diskriminierung – sowohl innerhalb von Israel als in den Palästinensergebieten.

 

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