Gute Beispiele aus

Pakistan: Kühne Frauen wollen in die Politik

Badam Zari (re.) macht Wahlkampf – Bild: Ashfaq Yusufzai/IPS

Von Ashfaq Yusufzai



Agentur Bajaur, Pakistan, 15. April 2013 (IPS) – „Ich will meinem Volk dienen und besonders den Frauen, die bisher in der Politik keine Rolle spielen“, beantwortet Badam Zari die Frage, warum sie an den Parlamentswahlen am 11. Mai teilnehmen will. „Für Frauen wird sich nur etwas ändern, wenn sie politisch aktiv werden.“

Die 40-Jährige wird in der Agentur Bajaur antreten, einem der sieben Verwaltungsbezirke der Stammesgebiete unter Bundesverwaltung (FATA) in der Nähe der afghanischen Grenze. In ihrem kleinen grünen Haus in der Ortschaft Arang geht es zu wie in einem Bienenstock: Scharen von Frauen aus der Nachbarschaft finden sich ein, um ihr zu ihrem Mut zu gratulieren, sich zur Wahl zu stellen.

Mal abgesehen von dem gravierenden Mangel an Politikerinnen – in den FATA fehlt es auch an Frauen, die wählen. Ohnehin ist es den sechs Millionen Menschen in den FATA erst seit 1997 erlaubt, ihre Stimme abzugeben. Zuvor war es nur den Maliks erlaubt, zu kandidieren oder zu wählen. Maliks sind von der Regierung handverlesene Ältere.

„Die Frauen hier leiden, denn bisher hat sich kein einziger Abgeordneter in den FATA für ihre Belange stark gemacht“, berichtet Zari. Im Januar hatte die Wahlkommission eine Reform des sogenannten Volksvertretungsgesetzes von 1976 vorgeschlagen. Danach sollte jedes Wahllokal für einen weiblichen Stimmanteil von mindestens zehn Prozent sorgen. Die Kommission schlug sogar vor, die erst nach Erfüllung der Quote die Stimmen aus diesen Wahllokalen zu berücksichtigen. Doch die Regierung ließ sich nicht auf den Vorschlag ein.

„Es ist beunruhigend, dass die meisten Frauen selten das Haus verlassen. Das hat Fortschritte verhindert. Ich bin fest entschlossen, mich für die Verbesserung der Lage der Frau in der Agentur Bajaur einzusetzen“, versicherte Zari gegenüber IPS und fügte hinzu, dass sie überzeugt sei, dass viele Frauen ihr am Wahltag ihre Stimmen gäben.

Tradition als Bremse 



Doch nicht nur in den FATA, auch im Rest des Landes sieht es nicht danach aus, als könnte sich an der Lage der Frauen in nächster Zeit etwas ändern. Vor allem in den ländlichen Gebieten tun sich die Menschen schwer damit, sich von alten Gewohnheiten zu verabschieden. Politik gilt hier als eine Männerdomäne, und Frauen, die sich zur Wahl stellen sind suspekt.

Wie das Freie und Faire Netzwerk, eine lokale Nichtregierungsorganisation, berichtet, war es den Frauen bei den allgemeinen Wahlen 2008 in 564 der landesweit 64.176 Wahllokale verboten, ihre Stimme abzugeben. Politische Parteien in Dir, Kohistan, Battagram und andren Bezirken der Provinz Khyber Pakhtunkhwa erteilten Frauen unter Berufung auf lokale Traditionen ein Wahlverbot.

Regierungsangaben zufolge sind in Pakistan mehr als 48 Millionen Männer und mehr als 37 Millionen Frauen als wahlberechtigt registriert.

In den mehr als 1,7 Millionen Menschen zählenden FATA sind noch nie Frauen zu den Wahlen gegangen. Wahlberechtigt sind dort mehr als 1,1 Millionen Männer und mehr als 596.000 Frauen. In der Agentur Bajaur stehen den etwa 132.000 weiblichen Wahlberechtigten fast 356.000 männliche Wahlberechtigte gegenüber.

Zaris Entscheidung, an den bevorstehenden Wahlen teilzunehmen, ist ein bisher beispielhafter Vorstoß in der pakistanischen Geschichte und ein wichtiger Schritt auf dem langen Weg zur Emanzipation der Frau in der Region. „Bisher hat sich noch keine Frau am Wahltag zu den Urnen getraut“, meint Zahra Shah von der soziologischen Fakultät der Universität Peshawar. Sie könnte sich vorstellen, dass Zari mit ihrem kühnen und mutigen Entschluss, sich in den Ring zu begeben, Applaus ernten wird.

Zari hat die Schule bis zur achten Klasse besucht. Sie hat selbst keine Kinder, ist aber fest entschlossen, Mädchen und Jungen in der Region zu Bildung und Entwicklung zu verhelfen. Von den reichen und wohlhabenden Herausforderern will sie sich nicht einschüchtern lassen und im Fall ihres Sieges Frauen eine Stimme geben. 

Rückendeckung vom eigenen Mann

Unterstützt wird sie von ihrem Mann Sultan Khan, einem Grundschullehrer. Er werde sich gemeinsam mit seiner Frau für mehr Entwicklung einsetzen, sagte er. „Wir sind zwar arm, aber gewillt, am Wahlkampf teilzunehmen. Sollte Zari gewinnen, wäre das ein Sieg der Frauen in den FATA.“ Khan zufolge steht Zari unter einem unerhörten Druck, ihre Kandidatur zurückzuziehen. „Doch es gibt kein Zurück, und wir werden vollständig vorbereitet zu den Urnen schreiten.“

Zari verfügt in der Region über einen hohen Anteil weiblicher Anhänger. „Wir werden sie unterstützen, denn sie ist die einzige Frau, die trotz aller Widrigkeiten mutig antritt“, meint Jamila Bibi, die aus dem Wahlkreis NA-44 Bajaur-II stammt, in dem sich Zari profilieren will. „Ich hoffe sehr, dass sich einige Männer hinter sie stellen“, sagte sie und fügte hinzu, dass man von Haus zu Haus gehen werde, um Unterstützung für Zari zu mobilisieren. „Sie ist schließlich unsere Hoffnung.“

Doch Zari ist nicht die einzige Frau, die sich politisch vorwagt. Das Gleiche lässt sich von Nusrat Begum aus dem Bezirk Unterer Dir NA-34 in Khyber Pakhtunkhwa sagen. Die 28-jährige Universitätsabsolventin ist ebenfalls die erste Frau, die dort den Mut aufbringt, den Männern die Stirn zu bieten. Zari und Begum treten als unabhängige Kandidatinnen an.

 

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