Gute Beispiele aus

Malediven: Frauen proben den Widerstand

Maledivische Demonstrantinnen trotzen Wasserwerfern

Von Feizal Samath
Colombo, 4. April (IPS) – Politisch begnügten sich die Frauen der südasiatischen Inselrepublik Malediven bislang mit den hinteren Rängen. Doch seitdem die Polizei im März Frauen mit Wasserwerfern und Knüppeln drangsaliert hat, weil sie für die Wiedereinsetzung des Anfang Februar aus dem Amt geputschten Staatschefs Mohamed Nasheed demonstrierten, machen politische Aktivistinnen mobil.

„Auf den Malediven verändert sich das Leben, denn Frauen fordern mit größerem Nachdruck ihre Rechte ein. Diese Entwicklung ist neu und aufregend“, berichtete die junge Gewerkschafterin Mauroof Zakir in einem Telefongespräch mit IPS.

Der erste demokratisch gewählte Staatschef Nasheed hatte in seiner kurzen Amtszeit vom 28. Oktober 2008 bis 7. Februar 2012 Reformen wie eine Krankenversicherung, regelmäßig zwischen den Inseln verkehrende Fähren und geregelte Transportmöglichkeiten zu Schulen und Krankenhäusern auf den Weg gebracht, von denen Frauen besonders profitieren.

Jetzt fürchten die Frauen, die neue islamistisch orientierte Regierung des Putschpräsidenten Mohammed Waheed Hassan, hinter der als Strippenzieher der Diktator Maumoon Abdul Gayoom steht, könnte ihnen diese Errungenschaften streitig machen. Gayoom hatte 30 Jahre lang mit eiserner Faust das politische Leben auf den Malediven bestimmt.

Demonstrantinnen festgenommen

„Nach dem Putsch wollen die Frauen ihre Meinung vorbringen. Sie sind enttäuscht und empört über den Sturz des demokratisch gewählten Präsidenten und seiner Regierung“, sagte Aishath Aniya in einem Telefoninterview mit IPS. Als bekannte Feministin und ehemalige Generalsekretärin von Nasheeds Demokratischer Partei (MDP) hatte sie sich an dem Protest einer Frauengruppe beteiligt. Die Demonstrantinnen wurden verhaftet und einer Leibesvisitation sowie einem Drogentest unterzogen. Die Menschenrechtsorganisation ‚Amnesty International‘ hatte das Vorgehen der Sicherheitskräfte kritisiert.

„Nie zuvor waren Frauen auf die Straße gegangen, um zu protestieren. Doch jetzt treten sie öffentlich auf und fordern den Wandel“, berichtete Aniya. „Wir werden zeigen, dass wir bis zu 8.000 Demonstrantinnen auf die Straße bringen können“, erklärte die Aktivistin.

Der in Großbritannien ausgebildete, heute 45-jährige Journalist Nasheed hatte an der Spitze der MDP eine massive Kampagne gegen seinen 74-jährigen Amtsvorgänger Gayoom geführt und die Präsidentschaftswahl schließlich für sich entschieden.

Der neue Staatschef Waheed hat Familienangehörige und Gefolgsleute des alten Diktators in seinem Kabinett etabliert. Gayooms jüngster Sohn Ghassan Maumoon ist Arbeitsminister, dessen Schwester Dhunya Maumoon sitzt als Junior-Ministerin im Außenministerium. Abdul Samad Abdulla ist Außenminister. Er war zur Amtszeit Gayooms Botschafter der Malediven in Bangladesch. Der neue Finanzminister Abdulla Jihad hatte dieses Ressort schon einmal, unter Gayoom, geleitet.

Angesichts dieser politischen Restauration befürchten die Malediverinnen, das Rad des Fortschritts könne zurückgedreht werden. „Gayooms Regime hat die Frauen immer unterdrückt“, erklärte Shifa Mohamed, eine einflussreiche Vertreterin der MDP. „Auch wenn bei Wahlen noch so viele von uns gegen ihn stimmten, die offiziell verkündete Zustimmung zu Gayoom und seiner Regierung lag nach Abschluss der Wahlen immer bei 100 Prozent“, berichtete sie IPS. „Unter solchen Repressionen hatten alle zu leiden, nicht nur Frauen. Doch die Frauen stehen auf, weil sie ihre Rechte behalten und an die nächste Generation weitergeben wollen.“

Nasheed als Frauenfreund geschätzt

Im öffentlichen Dienst des Landes sind nicht wenige Frauen beschäftigt, doch auf der politischen Entscheidungsebene nicht vertreten. „Es ist Tradition, dass Männer diese Posten für sich reklamieren“, sagte die MDP-Vertreterin. Nasheed habe verstanden, mit welchen Problemen sich Frauen herumschlagen und sich bemüht, auf ihre Bedürfnisse einzugehen.

Auch Aniya meinte, Nasheed habe in seiner Regierungszeit die Position der Frauen gestärkt. So etwa spielten bessere Transport- und Verkehrsangebote im Land der 1.000 Inseln eine wichtige Rolle. „Wenn früher in der Familie jemand krank wurde und zur nächsten Gesundheitsstation oder in ein Krankenhaus gebracht werden musste, war man auf die Hilfe eines Bootsbesitzers angewiesen, die oft genug ausblieb“, stellte die Aktivistin fest.

Nasheed vertritt einen moderaten Islam und verurteilt Praktiken wie die weibliche Genitalverstümmelung, Kinderehen und das öffentliche Auspeitschen von angeblichen Ehebrecherinnen. Ein von ihm unterstützter kontroverser Gesetzentwurf, der Frauen als Opfer häuslicher Gewalt zu mehr Schutz verhelfen und ihnen die Scheidung erleichtern soll, liegt dem Parlament in Male seit über einem Jahr vor.

Nach Ansicht von Regierungssprecher Imad Mazood werden die Aktivistinnen nicht viele Gegnerinnen der Regierung Waheed auf die Straße bringen können. „Die von der MDP vorgebrachten Behauptungen sind Unsinn, die Aktivistinnen Nasheeds Verwandte oder Freunde“, sagte er abschätzig. In Males engen Straßen und Gässchen lasse sich mit einer Videokamera schon eine kleine Menschenansammlung als Massenveranstaltung darstellen.

Es gebe es auf den Malediven zwar viele Arbeitsmigranten aus Bangladesch, Sri Lanka und Indien. Doch mehr als ein paar tausend Demonstranten ließen sich wohl nicht auf die Straße bringen, erklärte der Regierungssprecher. Die mehr als 100.000 auf den Malediven arbeiteten Ausländer sind überwiegend im Tourismus beschäftigt, dem wichtigsten Wirtschaftssektor des Landes.

Auch nach Ansicht des Gründers der MDP, Mohamed Latheef, der weithin als Nasheeds Mentor gilt und im Exil in Sri Lanka lebt, lässt sich die Zahl der mobilisierbaren Demonstrantinnen nur schwer einschätzen. „Males Bevölkerung ist politisch stark polarisiert. Dort gilt nur: Wir gegen die Anderen.“

Die Feministin Aniya ist fest davon überzeugt, dass sich potentielle Demonstrantinnen nicht von ihren nächsten Protestmärschen abbringen lassen. „Solange Nasheed nicht wieder im Amt ist“, beteuerte sie, „werden viele rund um die Uhr protestieren, etliche jeden Tag“.

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