Gute Beispiele aus

Malaysia: Frauen, Grüngruppen und Opposition gemeinsam gegen Giftindustrie

Gemeinsame Demonstration für saubere Politik und saubere Umwelt in Kuala Lumpur. Foto: Khim Pa/IPS

Von Anil Netto



Penang, Malaysia, 24. Juli 2012 (IPS) – Noch vor drei Jahren führte Sherly Hue in der malaysischen Hauptstadt Kuala Lumpur das Leben einer typischen Karriere-Frau. Eines Tages jedoch erhielt die Marketing-Managerin einen Anruf ihrer besorgten Eltern, der alles veränderte. Sie baten Hue, ihren vier Monate alten Sohn, auf den die Großeltern in einem kleinen Dorf im zentralen Bundesstaat Pahang aufpassten, wieder zu sich zu nehmen. Denn in der Ortschaft Raub hatte eine Firma mit Goldschürfarbeiten begonnen.

Das Bergwerk ist nur 200 bis 300 Meter von dem Dorf mit 300 Einwohnern entfernt. Dort wird das so genannte ‚Carbon-In-Leach‘-Verfahren angewandt, das zur Goldgewinnung die zweistufige Zerkleinerung, Flotation und Cyanidlaugung des Metallerzes in Gegenwart von Aktivkohle vorsieht. Jährlich werden dort 400 Tonnen Natriumcyanid eingesetzt.

2008 hatte ein US-Experte, der sich mit Umweltverschmutzung durch Bergbau befasste, bereits die Region besucht. Er kam zu dem Schluss, dass bei der Goldproduktion keine internationalen Standards eingehalten werden und langfristig mit der Kontamination von Mensch und Natur zu rechnen ist.

Hue stellte eigene Nachforschungen an. So fand sie heraus, dass die Verwendung der Cyanide in den Goldminen anderer Länder bereits zu vielen Unfällen und Schäden geführt hat. Die Managerin brachte ihren Sohn und ihre Mutter daraufhin unverzüglich nach Kuala Lumpur. Ihr Vater zog es dagegen vor, seine Plantage in dem Dorf weiter zu versorgen.

Inzwischen ist die 34-Jährige die stellvertretende Vorsitzende des ‚Pahang Raub Anti-Cyanide Gold Mining Committee‘ und eine der prominentesten Vertreterinnen der malaysischen Umweltbewegung.

Im vergangenen Oktober beteiligte sich die Gruppe an der Kundgebung ‚Himpunan Hijau 1.0‘ an einem Strand von Kuantan, der Hauptstadt von Pahang, um die Umsetzung der Erdcharta zu unterstützen. Menschen auf der ganzen Welt sind dazu aufgerufen, ethische Prinzipien zu befolgen, um die Entwicklung einer nachhaltigen und friedfertigen Gesellschaft voranzutreiben.

Protest gegen radioaktive Rückstände Seltener Erden



Unter den Vertreterinnen der Zivilgesellschaft, die zu dem Treffen kamen, waren auch Gegner einer Raffinerie für Seltene Erden, die das australische Unternehmen ‚Lynas‘ in dem Gebiet plante. Unter Seltenen Erden versteht man Metalle, die etwa in Handys, Flachbildschirmen und Energiesparlampen verarbeitet werden. Dabei kann Radioaktivität freigesetzt werden.

Andere Teilnehmende protestierten gegen ein Hochspannungskabelprojekt in Rawang im malaysischen Bundesstaat Selangor. Anwesend waren außerdem Mitglieder der Koalition für saubere und faire Wahlen (Bersih) und die Indigenenvereinigung ‚Orang Asli‘.

Eine zweite Kundgebung im vergangenen Februar in Kuantan konzentrierte sich auf den Protest gegen die geplante Raffinerie von Lynas. Etwa 15.000 Menschen aus dem ganzen Land kamen bei der bis dahin größten Demonstration von Umweltschützern in Malaysia zusammen. Bei dem Treffen ‚Himpunan Hijau 3.0‘ versammelten sich Ende April sogar rund 20.000 grüne Aktivisten im Zentrum der Hauptstadt. Sie mischten sich unter etwa 200.000 Demonstranten in gelben Hemden, die dort die dritte Kundgebung von Bersih für eine Wahlreform abhielten.

Der Mammut-Protest rief die Regierung von Ministerpräsident Najib Razak auf den Plan. Die Polizei ging mit harter Hand gegen die Protestierenden vor. Die Beamten blockierten mit Stacheldraht den Zugang zu einem öffentlichen Platz, feuerten Tränengasgranaten ab und schütteten chemikalienhaltiges Wasser in die Menge.

Bei der Demonstration im April zeigte sich deutlich, dass die Umweltbewegung in dem südostasiatischen Land mittlerweile den Kinderschuhen entwachsen ist. „Junge Menschen interessieren sich mehr als früher für Umweltprobleme“, meint Khim Pa, ein führendes Mitglied der ‚People’s Green Coalition‘ in Penang. Inzwischen vermitteln die Schulen Jugendlichen, dass Abfälle und Altpapier aufbereitet werden müssen. Sie erfahren außerdem von Kampagnen zum Pflanzen von Bäumen und zum Schutz bedrohter Flüsse und bedrohter Tierarten wie Orang Utans und Tiger.

Soziale Internet-Netzwerke sensibilisieren junge Menschen für Umweltschutz

Hue ist davon überzeugt, dass das Internet und insbesondere soziale Netzwerke wie ‚Facebook‘ eine wichtige Rolle dabei spielen. „Früher haben sich junge Leute nicht für diese Themen interessiert und sind daher auch nicht zu Demonstrationen gekommen. Sie wollten sich lieber amüsieren und shoppen gehen“, meint sie. ‚Facebook‘ habe aber viele Informationen in Umlauf gebracht, die in den traditionellen Medien nicht zu finden seien. Nach Ansicht von Hue ist die Öffentlichkeit vor allem durch die Kampagne gegen Lynas und die radioaktiven Abfälle wachgerüttelt worden.

Den Behörden reagierten alarmiert auf den Volkszorn. Ein hochrangiger Vertreter einer Sonderabteilung der Polizei wurde mit den Worten zitiert, dass Oppositionsparteien und Nichtregierungsorganisationen kontrovers diskutierte Themen „aufbauschen und die Öffentlichkeit zum Hass auf die Regierung vor den allgemeinen Wahlen anstacheln“. Die Wahlen, die jederzeit spontan von dem Premierminister anberaumt werden können, müssen spätestens im Juni 2013 stattfinden.

Laut Khim Pa hat sich die grüne Bewegung inzwischen mit den Wahlreform-Befürwortern vermischt. „Das gesamte Land hat eingesehen, dass die Umwelt geschädigt wird.“ Unternehmen in Industrieländern hätten längst entdeckt, dass sie schmutzige und giftige Prozesse wie die Aluminiumschmelze in Entwicklungsländer verlagern könnten, da die Umweltgesetze dort oft lax gehandhabt würden, sagt Pa. In Raub zeigten sich die Folgen bereits daran, dass viele Einwohnerinnen und Einwohner Hautprobleme hätten.

Die Verlegung der Industriebetriebe in Länder des Südens wird oft von einheimischen Mittelsmännern unter Beteiligung lokaler Partner vorangetrieben. Nach Ansicht von Pa haben viele Menschen aus Malaysia mittlerweile erkannt, dass saubere Wahlen die Voraussetzung dafür sind, dass die künftige Regierung ein offenes Ohr für die Sorgen der Bevölkerung haben wird. Die nächste ‚Himpunan Hijau‘-Demonstration ist am 2. September in Raub geplant.

 

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