Gute Beispiele aus

Liberia: Journalistin Mae Azango kämpft für Frauenrechte und gegen weibliche Genitalverstümmelung

Mae Azango. Foto: Glenna Gordon /New Narratives

Von Rousbeh Legatis


New York, 25. Januar 2013 (IPS) – „Wir können mit unserer Berichterstattung Veränderungen bewirken“, ist die liberianische Journalistin Mae Azango überzeugt. In ihren Beiträgen setzt sie sich kritisch mit umstrittenen Praktiken wie der weiblichen Genitalverstümmelung auseinander und verleiht den Opfern eine Stimme. Für ihre Features wurde sie kürzlich mit dem Internationalen Preis für Pressefreiheit ausgezeichnet.

Als die Reporterin der Nachrichtenseite ‚FrontPage Africa‘ das Tabuthema in ihrem Heimatland aufgriff, musste sie mit ihrer Tochter wochenlang untertauchen. Inzwischen wird das lange von der Politik vernachlässigte Thema öffentlich diskutiert. Auch sorgte sie für internationale Aufmerksamkeit und setzte die Regierung damit unter Handlungsdruck. In Liberia sind zwei von drei Mädchen beschnitten.

„Wir konnten Liberianern aufzeigen, dass es besser ist, wenn Mädchen ihre Schule beenden und erst Kinder bekommen, wenn sie über 20 sind“, sagte sie über eine Artikelreihe, die sie mit Kollegen des alternativen Medienprojekts ‚New Narratives‘ 2012 veröffentlichte.

Ihre im Rahmen von New Narratives verfassten Beiträge schildern detailliert die negativen Auswirkungen von Teenagerschwangerschaften auch auf die liberianische Wirtschaft. Andere Artikelserien befassen sich mit Kinderprostitution, Vergewaltigung und Abtreibungen. „Indem wir aus der Perspektive der Opfer berichten, bringen wir Liberianern die Lebensrealität der betroffenen Mädchen näher“, betonte Azango.

In Zusammenarbeit mit erfahrenen Redakteuren, Kommentatoren, Fotografen und Reportern und mit ausländischer Finanzierungshilfe produzieren die vorwiegend weiblichen Journalisten von New Narratives qualitativ hochwertige Beiträge für Printmedien, Radio und Fernsehen. New Narratives ist ein Pilotprojekt, das auch auf Sierra Leone, Nigeria and Ghana ausgeweitet werden soll.

Mit IPS sprach Azango über die Möglichkeiten der Medien im Allgemeinen und von Journalistinnen im Konkreten, ihren Beitrag für ein menschliches Miteinander zu leisten. Es folgen Auszüge aus dem Interview.

Als Sie Bilanz über Ihre Arbeit zogen, sagten Sie: „Ich wusste, dass viele Eltern, würden wir über weibliche Genitalverstümmelung reden und sie die Wahrheit erfahren, einen anderen Weg wählen würden.“ Ist das geschehen?

Mae Azango: Nein, noch wählen Eltern keinen anderen Weg für ihre Töchter, weil sie immer noch der Meinung sind, dass die weibliche Genitalverstümmelung ein sauberer und richtiger Weg ist. Althergebrachte Traditionen lassen sich nicht über Nacht abschaffen. Während wir miteinander sprechen, wird die in Liberia verbotene Praxis im Geheimen durchgeführt.

Doch eines ist uns sehr wohl gelungen: Die Praxis wird auf nationaler Ebene diskutiert – übrigens zum ersten Mal. Darüber bin ich sehr froh. Immer mehr Politiker und Opfer trauen sich nun, zu sagen: „Diese Praxis ist überholt. Sie ist falsch.“ Viele Eltern diskutieren zum ersten Mal über weibliche Genitalverstümmelung und werden es sich zweimal überlegen, ob sie ihre Töchter beschneiden lassen.

Wie haben das Ende noch nicht erreicht, aber wir befinden uns am Anfang des Endes, und viele kleine Mädchen werden verschont bleiben. Aber auf lange Sicht brauchen wir eine wirksame Aufklärungskampagne, wie sie die Regierung inzwischen zugesagt hat, um die Praxis auszumerzen.

 Was macht die Genitalverstümmelung zu einem Tabuthema?

Azango: Die Genitalverstümmelung wird in Liberia und Sierra Leone deshalb tabuisiert, weil es sich um ein Ritual handelt, das von den traditionellen Geheimgesellschaften beider Länder praktiziert wird. Selbst Mädchen im zarten Alter von zwei Jahren bringen mehrere Monate im Busch zu, wo sie in ihr künftiges Leben als Ehefrau eingeführt werden.Danach werden sie im Rahmen einer Zeremonie beschnitten. Auch für Jungen gibt es Schulen. Die Personen, die diese Schulen leiten, wollen ihre Einnahmequelle nicht aufs Spiel setzen.

Wie sieht die Lage für weibliche Journalisten in Liberia aus?

Azango: Es gibt nicht viele Journalistinnen in Liberia. Doch die wenigen, die es gibt, versuchen die Dinge zu ändern. Viele männliche Journalisten sind der Meinung, dass wir vor allem ‚weiche‘ Themen abdecken sollten. Ich habe großes Glück, dass ich für FrontPage Africa arbeite – eine Zeitung, die weibliche Reporter als Bereicherung empfindet.

Meine Kollegen bei New Narratives und ich haben mit unserer Berichterstattung in den vergangenen zwei Jahren neun nationale Preise erhalten und auch für internationale Medien geschrieben. Wir haben die Regierung und andere Entscheidungsträger mit unseren Beiträgen über Polizeigewalt gegen Missbrauchsopfer, Kinderprostitution und Teenagerschwangerschaften aufgerüttelt und zum Handeln gezwungen.

Den Männern haben wir gezeigt, dass sie falsch liegen und dass wir durchaus in der Lage sind, mit unserer Arbeit eine Wirkung zu erzielen. Wir haben zudem unter Beweis gestellt, dass sich die Berichterstattung nicht nur auf Politik und Skandale beschränken muss. Frauen und Kinder speziell in Liberia erleben so viel Leid. Wir konnten zeigen, dass es Geschichten gibt, die es wert sind, erzählt zu werden, und die viele Menschen interessieren.

Was macht Ihre Berichterstattung so anders?

Azango: Am Internationalen Frauentag hat es unser Bericht auf die Titelseite der größten Zeitung Liberias gebracht, während andere Medien nur leichte Kost über Fortschritte bei der Emanzipation der Frau brachten.

Die Fotos zu unserem Beitrag zeigten junge Mädchen, die dem Initiationsritual unterzogen wurden, obwohl die Gesellschaften behaupten, dass die Mädchen im heiratsfähigen Alter sein müssen, bevor sie von den Schulen aufgenommen werden. Der Bericht wurde aus der Sicht der Betroffenen geschrieben. Viele konnten sich mit den Opfern identifizieren, weil sie entweder Ähnliches durchgemacht haben oder jemanden kennen, das ebenso gelitten hat.

Sehr selten kommt es vor, dass die Medien in Liberia normale Menschen zu Wort kommen lassen. In der Regel beschränken sich Journalisten darauf, Presseveröffentlichungen umzuschreiben und Äußerungen von Politikern zu reproduzieren. Das ist keine wirkliche Berichterstattung.

Auf unseren fesselnden Beitrag haben die Leser reagiert. Er wurde von jedem wahrgenommen und Monate lang in den Radiosendungen besprochen.

http://www.newnarratives.org

 

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