Gute Beispiele aus

Kolumbien: Frauen forsten Waldgärten auf

Waldgärten in San Gil: Kochbananen und Kaffee wachsen hier ohne Mineraldüngung und Pestizide. Foto: Haiko Pieplow

Von Haiko Pieplow*

Vermittelt durch Nuria Costa von den 1000 FriedensFrauen Weltweit (www.1000peacewomen.org) haben Mitarbeitende der Universität San Gil und dem Institut für angewandtes Stoffstrommanagement vom Zero Emission Campus Birkenfeld in Rheinland-Pfalz die kolumbianische Region San Gil besucht. Die Kleinstadt San Gil liegt 400 Kilometer nordöstlich von Bogotá im Bezirk Santander, in einem auch für den Tourismus attraktiven Kaffeeanbaugebiet. Die Hochschule von San Gil entwickelt in ihrer Region Vorhaben im Sinne einer solidarischen Ökonomie und hat in den letzten Jahren mit lokalen Frauenkooperativen sehr erfolgreiche Projekte aufgebaut.

Wiederaufforstung ist für die Universität San Gil ein wichtiges Thema. Gemeinsam mit einer Fraueninitiative entsteht in Barichara, unweit von San Gil, seit drei Jahren ein neuer Wald. Das Projekt in Barichara wird durch private Mittel finanziert. Die Frauen nutzen das Wissen der lokalen Bevölkerung, welche Bäume am besten wachsen. Sie legen die in der Region typischen Wasserrückhaltebecken an. Schülerpatenschaften übernehmen das Pflanzen und die Pflege der Bäume mit dem Effekt, dass verlorengehendes Wissen wieder praktisch vermittelt werden kann. Durch die Zusammenarbeit mit den Leuten vor Ort sind Kosten für die Baumsetzlinge sowie die Ausfälle bei den neu gepflanzten Bäumen sehr gering.

Rund um San Gil gibt es noch viele Waldgärten. Kaffee wird dort meist in kleinen Betrieben unter Schirmbäumen mit Papaya, Zitrusfrüchten, Maniok, Mais und Bohnen angebaut. Etwa zehn Kilometer von San Gil produzieren Isabel und Thomas Garcia auf ihrer 30 Hektar großen Ökofarm Kaffee und Kakao. Durch die biologische Vielfalt in ihren Waldgärten können sie auf Pestizide vollständig verzichten. Seit einigen Jahren stellen sie aus den organischen Abfällen ihre Betriebes Bokashi her, der insbesondere zur Düngung der Kaffeebäume genutzt wird. Effektive Mikroorganismen werden ebenfalls für die unterschiedlichsten Zwecke eingesetzt.

Von der Wirkung von Pflanzenkohle haben sie durch Mitarbeiter der Uni San Gil gehört, die nach einem Terra-Preta-Seminar erste praktische Erfahrungen gesammelt haben. Die Garcias beginnen gemeinsam mit der Uni San Gil, bei der Herstellung von ihrem Bokashi auch Pflanzenkohle einzusetzen. Die Pflanzenkohle könnte aus den ausreichend verfügbaren Holzresten im eigenen Betrieb hergestellt werden. Weiterhin könnte sie auch helfen, Geruchsprobleme bei der Behandlung von Abfällen aus der Kaffeeproduktion zu beseitigen.

Der Verlust der Wälder hat Auswirkungen auf unseren gesamten Planeten. Wälder haben eine bedeutende Funktion für den Wasser- und Kohlenstoffkreislauf. Die Wälder speichern nicht nur große Mengen an Kohlenstoff, sie bieten auch dem Menschen und unzähligen Tierarten Nahrung, Energie, Baumaterial und Lebensraum. Sie stabilisieren das Wetter und den Rhythmus der Niederschläge und das nicht nur in den Tropen. Die Verdunstung der Bäume gleicht Temperaturschwankungen aus. Die Wälder sind unendlich viel wertvoller, als dass sie nur unter wirtschaftlichen Aspekten betrachtet werden sollten. Wo die Wälder vernichtet werden, verlieren auch die Menschen ihre Einkommens und Lebensgrundlagen. Las Gaviotas im Bezirk Vichada in der Orinoco Savanne im Osten Kolumbiens ist so ein Beispiel. Die aus Europa kommenden Siedler haben dort mit der Eroberung der neuen Welt den Regenwald für ihre Rinderzucht gefällt und die Ureinwohner vertrieben. Ohne Bäume verarmte die Region mit der Zeit zu einer menschenleeren Ödnis. Der Boden schien nichts mehr wert zu sein.

Heute kann man in Las Gaviotas sehen, dass es möglich ist, eine vom Menschen verwüstete Region mit Hilfe der Natur wieder in einen wirtschaftlich ertragreichen Regenwald umzuwandeln. Las Gaviotas hat auch die von Gunter Pauli gegründete Zero Emission Research Initiative (www.zeri.org) inspiriert und gilt als ein Beispiel für die Blue Economy (www.blueeconomy.de). Als der Kolumbianer Paolo Lugari 1984 mit der Vision nach Las Gaviotas kam, aus einer heruntergewirtschafteten Land wieder einen lebenswerten Ort zu machen, hielten ihn viele für einen Träumer. Zehn Jahre später waren bereits 5.000 Hektar aufgeforstet, derzeit sind es 8.000, und es sollen einmal 100.000 Hektar werden. Für die meisten etablierten Wissenschaftler war das ein Ding der Unmöglichkeit. Heute leben in Las Gaviotas wieder 200 Familien mit einer gesunden Zukunftsperspektive. Das Anpflanzen von Bäumen brachte den Regenwald mitsamt seiner biologischen Vielfalt zurück. Die Böden haben sich regeneriert, speichern Kohlenstoff und sorgen wieder für ausreichend sauberes Wasser.

Paolo Lugari, ein charismatischer Erfinder und Gründer von Las Gaviotas, erklärt mit einfachen Worten, warum der Regenwald zurückgekehrt ist. Unter der tropischen Sonne heizt sich der Boden extrem auf, wenn die schützende Vegetationsdecke fehlt. Wenn die Bodentemperatur höher ist als die der Luft, verdunsten die Niederschläge, ohne in den Boden eindringen zu können. Dadurch ist für die meisten Pflanzen zu wenig Wasser vorhanden. Bei heftigen Niederschlägen kann es zu verheerenden Erosionen kommen. Die Versteppung schreitet voran und es können sich wüstenartige Landschaften bilden.

Die Karibische Kiefer konnte als Initialpflanzung den extremen Bedingungen in Las Gaviotas trotzen. Sobald sie etwas Schatten spendeten, wurde der Boden kühler und feuchter und der Regenwald kam mit seiner Vielfalt zurück. Samen, die im Boden ruhten oder von Vögeln mitgebracht wurden, konnten wieder keimen. Heute gibt es in Las Gaviotas wieder 250 Baumarten. Die versiegten Quellen begannen erneut zu fließen. In speziellen Flaschen, die auch zum Bauen benutzt werden können, wird Trinkwasser nach Bogotá verkauft. Der Harz der Karibischen Kiefer dient inzwischen zur Herstellung von Treibstoff und als Rohstoff für die Farb- und Papierindustrie. In Las Gaviotas wird nun auch wieder das Wissen der Indigenas genutzt. So wird seit 20 Jahren zur Verbesserung der Bodenfruchtbarkeit in den Gemüsebeeten Pflanzenkohle angewendet, die aus den reichlich vorhandenen Holzresten selbst hergestellt wird.

Eine interessante Herausforderung wird es sein, die Erfahrung aus den Projekten in Kolumbien auch in Mitteleuropa nutzbar zu machen. Bernd Neugebauer hat nach dem Vorbild der Waldgärten der Maya in Yucatán in Mexiko (www.xina.de) einen landwirtschaftlichen Betrieb aufgebaut und steht in Kontakt mit den genannten Projekten in Kolumbien und weiteren in Deutschland. Er verfügt über eigene Erfahrung bei der Herstellung von Terra Preta und berät seit 20 Jahren deutsche und lateinamerikanische Akteure, die nachhaltige Projekte umsetzen wollen.

* Dr. Haiko Pieplow ist Terra-Preta-Forscher und arbeitet mit dem weltweiten Netzwerk Zero Emissions Research Initiatives zusammen

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