Gute Beispiele aus

Kolumbien: Dialog zwischen Großgrundbesitzern und Kleinbauern – ein Drittel der Delegierten Frauen

Die Frage des Landeigentums steht im Zentrum der kolumbianischen Friedensverhandlungen. Foto: Constanza Vieira/IPS

Von Constanza Vieira

Bogota, 21. Dezember 2012 (IPS) – Zum ersten Mal haben sich in Kolumbien Großgrundbesitzer und Kleinbauern an einen Tisch gesetzt. Der Austausch galt einem Dialog über die beiden Kernfragen des seit Jahrzehnten andauernden bewaffneten Konfliktes in dem südamerikanischen Land: den Landbesitz und die sozioökonomische Entwicklung des Agrarsektors.

Drei Tage lang – vom 17. bis 19. Dezember – tauschten sich 1.314 Delegierte auf dem Forum ‚Integrale Politik für die Entwicklung der Landwirtschaft – Fokus Landbesitz‘ in Kolumbiens Hauptstadt Bogotá aus. Um einen solchen Dialog hatten die Verhandlungspartner im Rahmen des Friedensdialogs zwischen der linken Guerilla FARC und der Regierung unter Juan Manuel Santos gebeten. Dieser findet in der kubanischen Hauptstadt Havanna statt und dauert bereits seit rund einem Monat an.

Organisiert wurde das Forum vom Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNPD) und dem Zentrum für ein Fortführen des Friedensdialogs, das kurzfristig von der staatlichen Nationalen Universität Kolumbiens gegründet worden war. Von den Vertretern von 522 zivilgesellschaftlichen Organisationen sowie Unternehmensverbänden war rund ein Drittel weiblich. 15 verschiedene produktive Sektoren aus dem ganzen Land waren vertreten. Die Presse war zu dem Treffen nicht zugelassen.

Den Rahmen des Forums gaben die Verhandlungsthemen des ersten Tagungsordnungspunktes der Friedensverhandlungen zwischen FARC und Regierung, der sich ebenfalls mit Landrechten befasste. Konkret ging es um den Zugang zu Land und um die Fragen, wozu das Land genutzt wird, was mit unfruchtbaren Flächen passiert, wie Landbesitz gestaltet werden kann und welche Rechte Landarbeiter haben. Außerdem waren Naturschutzgebiete Thema, Entwicklungsprogramme für ländliche Regionen und Infrastrukturprogramme. Darüber hinaus wurde über Konzepte wie die solidarische Ökonomie und die Gründung von Kooperativen gesprochen sowie über Zuschüsse, Kredite und schließlich auch über Ernährungssicherheit. Die Ergebnisse des Treffens sollen am 8. Januar bei den Friedensverhandlungen in Havanna vorgestellt werden.

1,15 Prozent der Landbesitzer halten 52 Prozent der Flächen



Die Zahlen über den Landbesitz in Kolumbien sprechen für sich: 52 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen gehören 1,15 Prozent der Landbesitzer. Der Gini-Index, der Aussagen über die ungleiche Verteilung von Landbesitz macht, liegt bei 0,87. Das ist einer der weltweit höchsten Werte: Die Auszeichnung mit 1,00 würde bedeuten, dass die gesamte landwirtschaftlich nutzbare Fläche eines Landes in Besitz einer einzigen Person wäre.

Auf 38 Millionen Hektar werden Nutztiere gehalten. Nur fünf Millionen Hektar dienen dem Anbau von Nahrungsmitteln. Diese Zahl sollte Landwirtschaftsminister Juan Camilo Restrepo zufolge bei 22 Millionen liegen, um die Bevölkerung ausreichend ernähren zu können. Wenn die landwirtschaftliche Fläche effizienter genutzt würde, würde dies auch zu mehr Wohlstand führen, meint Restrepo. Dies könne allerdings nicht per Dekret festgelegt werden.

Der Präsident der Gesellschaft der Landwirte, Rafael Mejía, sagte am ersten Tag des Forums, dass sich die Armut nicht reduzieren lasse, solange die Gewalt nicht eingedämmt werde und es keine Verhandlungen zwischen Landbesitzern und -arbeitern gebe.

Landfrage Schuld an Ungleichheit und an Vertreibungen



Die Landfrage ist auch für Francisco de Roux, Oberhaupt der Jesuiten in Kolumbien, aktuell die wichtigste Frage. „Das Modell, das wir bisher haben, hat zu großer Ungleichheit geführt. Es ist das Herzstück des Konflikts und verantwortlich für die internen Vertreibungen. Das erwartete Wirtschaftswachstum ist außerdem ausgeblieben.“

Die derzeit auf Kuba stattfindenden Verhandlungen sind der bisherige Höhepunkt der sechsmonatigen Vorverhandlungen zwischen der Regierung und den Anführern der linksgerichteten FARC. Diese wurde 1964 von Kleinbauern gegründet, die sich gegen die staatlich unterstützte Landnahme durch Großgrundbesitzer wehrten. Seitdem dauert der bewaffnete Konflikt an.

Im August hatte Präsident Santos erstmals Gespräche mit der FARC angekündigt. Vorangegangen waren geheime Sondierungsgespräche zwischen den Konfliktparteien, die Kuba und Norwegen vermittelt hatten. Beide Staaten sind Garanten des Prozesses, Venezuela und Chile fungieren als Unterstützer.

Aus den Sondierungsgesprächen ist das Allgemeine Abkommen zur Beendigung des Konflikts und zur Bildung eines stabilen und dauerhaften Friedens‘ hervorgegangen. Während die Regierung von der FARC verlangt, den bewaffneten Kampf aufzugeben, fordern die Rebellen die Einstellung aller größeren Bergbau- und Infrastrukturprojekte in den ländlichen Gebieten und die Umsetzung eines ehrgeizigen Agrarentwicklungsplans.

 

 

 

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.