Gute Beispiele aus

Kenia: Gemüse aus Säcken – Zubrot für landlose Slumbewohnende

Von Miriam Gathigah


Nairobi, 12. August (IPS) – Eingeklemmt im Kibera-Slum in der kenianischen Armensiedlung befindet sich die Baracke, die Alice Atieno ihr Zuhause nennt. Sie gehört zu den auf eine Million geschätzten Slumbewohnern, die sich auf 400 Hektar zusammendrängen.

Vor ihrer Tür hat Atieno einen kleinen Gemüsegarten. Doch anders als andere Bauern zieht sie Kohlköpfe, Spinat, Paprika und Frühlingszwiebeln in Säcken, die sie mit Erde gefüllt hat. Die Agrarpflanzen sind für sie und ihre sechs Kinder überlebenswichtig. Die Kinder passen auf, dass sie die Stauden nicht beschädigen. „Sie wissen, was Hunger bedeutet“, sagt Atieno. „Und sie wissen genau, dass es diese Pflanzen sind, die sie ernähren.“

Nach Angaben der Nichtregierungsorganisation ‚Map Kibera Trust‘, die sich für die Partizipation von Slumbewohnern an Entscheidungsprozessen einsetzt, generieren die Pflanzsäcke ein wöchentliches Zusatzeinkommen von mindestens fünf US-Dollar.
“Das ist recht viel, wenn man bedenkt, dass einer Durchschnittsfamilie nur 50 bis 100 Dollar im Monat zur Verfügung stehen“, meint dazu der Wirtschaftswissenschaftler Arthur Kimani.

Nach Angaben des Kenianischen Instituts für Agrarforschung sind mehr als zehn Millionen der 40 Millionen Kenianer von Hunger bedroht und die meisten von ihnen somit auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen. Für diese Menschen ist die Gemüseproduktion in Pflanzsäcken eine willkommene Alternative.

Chemiefreie und preiswerte Landwirtschaft

Wie Kiama Njoroge erläutert, ein für Landwirtschaftsfragen in Zentralkenia zuständiger Regierungsbeamter, haben die in Säcken gezogenen Nahrungsmittelpflanzen zudem den Vorteil, dass die Produzenten auf den Einsatz von Agrarchemikalien verzichten und anders als andere Slumbewohner auch keine Abwässer verwenden. Zudem sei diese Form der Nahrungsmittelerzeugung eine preiswerte Alternative.

Dem kann der Kibera-Farmer Peris Muriuki nur zustimmen. „Ein Sack kostet etwa zwölf Cent das Stück, die Erde höchstens einen Dollar“, sagt er und fügt hinzu: „Für die meisten von uns ist die Erde kostenlos, weil wir sie uns aus der näheren Umgebung holen.“

Courtney Gallaher ist Assistenzprofessorin an der ‚Michigan State University‘. Sie forscht über Nahrungssysteme und nachhaltige Landwirtschaft. Ihren Untersuchungen zufolge geben die meisten Haushalte im Kibera-Slum 50 bis 75 Prozent ihrer Einkommen für Nahrungsmittel aus. Durch den Verkauf eines Teils des Gemüses, das sie in den Pflanzsäcken ziehen, können sie zwischen 20 und 30 Dollar monatlich abzüglich der Bewässerungskosten dazuverdienen.

Patrick Mutua vom Gesundheitsministerium weist darauf hin, dass es Slumbewohner gibt, die ihr Gemüse auf kleinen Parzellen in der Nähe von Industrieabwasserreservoirs anbauen. Die mit diesem Wasser gegossenen Nahrungspflanzen stellen für die Verbraucher eine erhebliche Gesundheitsgefahr da. „Diese Menschen können sich Cholera, Amöben und Typhus einfangen“, warnt Mutua.

Gefahr durch Abwässer 

Das Gesundheitsministerium gibt die Sterblichkeitsrate kenianischer Kinder unter fünf Jahren mit 77 Todesfällen pro 1.000 Lebendgeburten an. In den städtischen Slums liegt die Rate gar bei 151 pro 1.000. Durchfall gehört zu den Krankheiten, die die meisten Todesfälle verursachen.

„Das Wasser, das diese Bauern verwenden, enthält Schwermetalle wie Blei und Quecksilber, die krebserregend sind und Nierenversagen auslösen können“, so die Gesundheitsexpertin Patricia Mwangi. „Blei schädigt das menschliche Nervensystem und wirft Kinder in ihrer motorischen und geistigen Entwicklung zurück.“

Doch viele Kenianer nehmen solche Schwermetalle unwissentlich mit der Nahrung auf, die Slumbewohner wie Fenice Oyiela produzieren. Oyiela pflanzt Gemüse, Amaranth und Pfeilwurz. Mit bloßen Händen leitet sie die stinkigen Abwässer in die kleinen Kanäle ein, die sie auf ihrem Feld gegraben hat. Stolz berichtet sie, dass ihre Erzeugnisse reißenden Absatz finden. „Es gibt Tage, an denen ich zehn Säcke Gemüse verkaufe“, sagt sie. Sie werden auf Lastwagen verladen und zu Nairobis großen Märkten Marikiti, Gikomba und Muthurwa gekarrt.

Zahlen des Landwirtschaftsministeriums von 2010 belegen, dass 30 Prozent der Einwohner Nairobis Landwirtschaft betreiben, die meisten von ihnen greifen auf städtische Abwässer zurück. Die Nahrungsmittelproduktion in Säcken stellt eine gesunde Alternative dar und kommt darüber hinaus denjenigen Menschen zugute, die kein Land besitzen.

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