Gute Beispiele aus

Japan: Sozialunternehmen im Aufschwung – Krise führt zu Rückbesinnung auf Gemeinwohl

In Japan mehren sich die Sozialunternehmen. Bild: Daan Bauwens/IPS

Von Daan Bauwens


Tokio, 4. März 2013 (IPS) – Nach zwei Jahrzehnten wirtschaftlicher Stagnation und aufeinanderfolgender Naturkatastrophen setzt eine Vielzahl junger Japanerinnen und Japaner beim Aufbau des Landes auf soziales Unternehmertum.

Der 37-jährige Masami Komatsu hat 2001, drei Jahre nach der japanischen Bankenkrise, das Unternehmen ‚Music Securities‘ gegründet. „Es wurde nicht mehr in krisenanfällige Bereiche wie Musik, traditionelles Handwerk oder in die Sake-Herstellung investiert“, sagt er. „Wir haben es jedoch anderen ermöglicht, in Bereiche zu investieren, die sie persönlich für wichtig halten.“

Music Securities ist ein Investmentfonds, der mittlerweile zu den gewinnträchtigsten im ganzen Land gehört. Mehr als 50.000 Aktionäre haben in den Fonds Einlagen von umgerechnet mehr als 27 Millionen Euro eingebracht. Darunter sind einige der am besten gestellten Unternehmen Japans. 2009 gründete Komatsu den landesweit ersten privaten Mikrofinanzierungsfonds, der Einzelpersonen die Möglichkeit gab, in kleine Projekte in Kambodscha zu investieren.

Derzeit ist Music Securities der größte private Financier beim Wiederaufbau von Firmen, die durch den Tsunami im März 2011 Verluste erlitten haben. „Einen Monat nach der Katastrophe besuchten wir die Region und stellten den Unternehmern am Ort unseren Plan vor“, erzählt Komatsu. „Wir hatten das Gefühl, dass wir etwas tun mussten. Wir wollten die Probleme in den betroffenen Gebieten nicht durch freiwillige Hilfe lösen, sondern indem wir unser bereits existierendes Geschäft nutzten.“ Bis jetzt haben mehr als 25.000 Menschen insgesamt mehr als 810 Millionen Euro in den Tsunami-Fonds investiert.

2001 war Music Securities in Japan seiner Zeit voraus. 2005 wurde über Komatsus Konzept des sozialen Unternehmertums auch an der Keio-Universität, Japans ältester Hochschule in Tokio, nachgedacht. Der Fonds generiert Einnahmen, die zur Durchsetzung gesellschaftlicher Ziele verwendet werden.

Fukuoka zweite ‚Social Business City‘ der Welt



Seit einigen Jahren findet das Modell rasch weitere Unterstützung. 2011 wurde Fukuoka auf der japanischen Insel Kyushu als zweite Stadt der Welt zur ‚Social Business City‘ gekürt, nachdem das Modell von dort aus in ganz Asien verbreitet worden war. Nobelpreisträger Muhammad Yunus, der Begründers des ‚Social Business‘, eröffnete das weltweit erste Forschungszentrum in diesem Bereich auf dem Campus der Kyushu-Universität.

Nach Angaben des japanischen Wirtschaftsministeriums ist die Zahl der sozialen Unternehmensprojekte seit dem Jahr 2000, als dieses Konzept praktisch noch nicht existierte, bis 2008 auf mehr als 8.000 gestiegen. Rund 320.000 Menschen sind in diesem Bereich beschäftigt. Aktuelle Zahlen liegen nicht vor, doch alles deutet darauf hin, dass das Phänomen weiter an Bedeutung gewinnt. Die Zahl der Bewerbungen an der ‚NEC-ETIC Social Entrepreneurship School‘ in Tokio hat sich seit 2010 verfünffacht.

Von Beginn an gehört Nana Watanabe zu den treibenden Kräften hinter der Initiative. Mit Hilfe ihrer Arbeit als freie Journalistin und Fotografin hat sie der japanischen Öffentlichkeit zwischen 2000 und 2005 in mehreren Publikationen über 100 soziale Unternehmer vorgestellt. „Japan hatte kein Rollenvorbild, nachdem die Wirtschaftsblase geplatzt war“, berichtet sie. „Das hat zu einem allgemeinen Zustand der Depression geführt. Das Land wusste nicht, was es tun sollte. 1991 habe ich die neue Welle des sozialen Unternehmertums entdeckt, das sich unter ausländischen Elitestudenten verbreitete. Ich dachte sofort, dass wir das auch brauchten.“

2011 gründete Watanabe den japanischen Ableger von ‚Ashoka‘, einer international tätigen Nichtregierungsorganisation, die mehr als 2.000 soziale Unternehmer in 60 Ländern weltweit unterstützt. „Social Business ist ein neues Phänomen“, erklärt sie. „Die Menschen sind zunehmend enttäuscht über die großen Firmen in Japan. Die jungen Menschen von heute haben miterlebt, wie ihre Eltern sich aufopferten, um die Garantie für eine lebenslange Anstellung zu haben. In den vergangenen Jahren haben sie dennoch ihre Arbeit verloren. Immer mehr junge Leute wollen sich daher beruflich selbstständig machen.“

Bürgerinnen und Bürger müssen soziale Probleme selbst lösen



„Der Mythos von der Effizienz der japanischen Regierung ist zerstört“, meint Toshi Nakamura, Chef des Internet-Marktplatzes ‚Kopernik‘, der technologische Lösungen für Probleme in ländlichen Regionen von Entwicklungsländern anbietet. „Bis in die Mitte der neunziger Jahre hinein vertrauten die Menschen darauf, dass die Technokraten in der Regierung die Wirtschaft antreiben und soziale Dienstleistungen bereitstellen würden“, berichtet er. „Das ist nicht länger der Fall. Die Leute haben erkannt, dass eine Reihe von sozialen Problemen nur von normalen Bürgern gelöst werden kann.“

Die Menschen engagieren sich jedoch nicht aus Enttäuschung über Unternehmen und die Regierung im sozialen Unternehmertum. „Nach der Finanzkrise haben wir eine Rückkehr zu traditionellen Werten beobachtet“, sagt die Wirtschaftsanalystin Kumi Fujisawa. „Die Leute suchen nicht nach kurzfristigen Gewinnen, sondern konzentrieren sich auf langfristige Perspektiven. Idealismus zählt wieder, die Menschen wollen etwas für die Gesellschaft tun.“

Nach Umfragen der Regierung denkt die japanische Bevölkerung seit Beginn der Finanzkrise anders über den Wert von Arbeit. Die Zahl der Befragten, die „etwas für die Gesellschaft tun wollen“, ist nach Platzen der Finanzblase deutlich gestiegen. 1991 wurde dieses Ziel von 46 Prozent der Bevölkerung angestrebt, inzwischen sind es 65 Prozent. „Das ist das Ergebnis einer neuen Haltung, die nach inneren Werten sucht“, meint Hirofumi Yokoi, der Präsident der Akira Stiftung, einer der einflussreichsten Organisationen Japans auf dem Gebiet des sozialen Unternehmertums. „Die zunehmende Unsicherheit und Angst bezüglich der Zukunft hat zu einem neuen Verhalten geführt. Viele junge Japaner fühlen sich durch Social Business persönlich herausgefordert.“

 

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