Gute Beispiele aus

Israel: Algen gegen Unterernährung – SchülerInnen in Israel züchten Proteinbombe Spirulina

Schülerin in Tel Aviv kontrolliert Algenkulturen in Flaschen – Bild: Pierre Klochendler/IPS

Von Pierre Klochendler

Tel Aviv, 16. Mai 2013 (IPS) – Am Hebräischen Herzliya-Gymnasium in Tel Aviv testen Jugendliche aus den neunten und zehnten Jahrgängen den einfachsten, preisgünstigsten und schnellsten Weg, um das globale Problem der Mangelernährung in ihrer Altersgruppe zu überwinden. Unter Anleitung ihres Rektors und Biologielehrers züchten sie die blaugrüne Alge Spirulina, die reich an Vitaminen, Mineralien und Nährstoffen ist.

Die 14-jährige Miri Wolzhinski ist an dem Projekt beteiligt. „weil ich auf diese Weise den Bedürftigen helfen kann“. Ihre Klassenkameradin Anouk Savir-Carmon hält es für eine „Absurdität“, dass es im 21. Jahrhundert immer noch Kinder auf der Welt gibt, die hungern müssen.

Wie aus einem im vergangenen Oktober erschienenen Bericht der Vereinten Nationen hervorgeht, litten zwischen 2010 und 2012 fast 870 Millionen Menschen – beziehungsweise jeder achte Erdenbürger – an chronischer Unterernährung. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO wird dieser Missstand durch eine „unzureichende oder unausgewogene Nahrungsaufnahme oder schlechte innere Verwertung von Essen“ verursacht.

Die Schülerinnen und Schüler am Herzliya-Gymnasium sind fest entschlossen, gegen die Missstände anzugehen – mit Spirulina. „60 bis 70 Prozent der Algen bestehen aus Proteinen, der Rest sind Kohlenhydrate, Antioxidantien, Omega-3-Fette, Vitamine und Mineralien. Kurz gesagt – alles, was man für eine gesunde Ernährung braucht“, fasst Savir-Carmon zusammen, die die Eigenschaften der Alge unter dem Mikroskop untersucht.

Zehn Gramm Algenpulver am Tag reichen aus



Aus einer 2008 von der Welternährungsorganisation FAO veröffentlichten Studie geht hervor, dass täglich zehn Gramm Spirulina-Pulver ausreichen würden, um die Mangelernährung von Kindern zu bekämpfen. Nachgewiesen wurde zudem, dass sich der Zustand schwer unterernährter Kinder in einer Klinik in Togo innerhalb weniger Wochen verbesserte, nachdem sie jeden Tag 10 bis 15 Gramm der Nahrungsergänzung zusammen mit Hirse, Wasser und Gewürzen zu sich genommen hatten.

In der Wissenschaft ist Spirulina als multizelluläre, photosynthetische Blaualge bekannt. Sie soll bereits vor mehr als drei Milliarden Jahren in Salzwasser und in einigen Süßwasserseen vorgekommen sein und enthält alle neun essentiellen Aminosäuren, die der Mensch zum Überleben braucht. Die Alge gilt daher als ‚Supernahrungsmittel‘, das ungeschältes Getreide, Bohnen, Obst, Gemüse und nicht homogenisierte Milchprodukte in den Schatten stellt. Obwohl Spirulina in tropischen Seen in Zentral- und Ostafrika wächst, ist das Nahrungsergänzungsmittel teuer und nur in ausgewählten Naturkost- und Gesundheitsläden erhältlich.

Die Schulbesuchenden aus Tel Aviv sind sich indes sicher, dass die hohen Preise auch auf ineffiziente Zuchtmethoden zurückzuführen sind. Um einen kostengünstigeren Weg zu finden, haben sie eine Probe aus der ‚Adama‘-Algenfarm in der Negev-Wüste mit Chemikalien wie Natron, Kaliumnitrat, Natriumchlorid, Phosphatsulfat und Magnesiumsulfat versetzt. Dies schaffe eine optimale alkalische Basis für die Zucht, erklärt Fea Hadar aus der neunten Klasse.

Mit Hilfe des Internets haben sich die Teenager alle notwendigen Kenntnisse für die Algenproduktion selbst beigebracht. 

Zuerst bekamen alle Jugendlichen die Aufgabe, die Entwicklung von Kulturen in einer recycelten Plastikflasche zu beobachten. Da Spirulina wie jede andere Pflanze Kohlenstoffdioxid für die Photosynthese brauche, mussten die Flaschen zunächst alle zwei Stunden von Hand geschüttelt werden, berichtet Savir-Carmon.

Vor vier Monaten stellte der Projektberater Boris Zlotnikov auf ein ausgeklügeltes Verfahren um. Er ordnete Reihen von Flaschen auf alten Holzständen an, die an ein elektrisch betriebenes System aus Pumpen, Röhrchen und Schläuchen angeschlossen wurden, das die Lösung in den Flaschen mit Sauerstoff versorgt. „Die Algen wachsen seitdem sehr schnell“, staunt der Schüler El’ad Dvash.

Vor kurzem feierten die Projektteilnehmenden ihre erste ‚Ernte‘, nachdem die Lösung eine intensive smaragdgrüne Farbe angenommen hatte. Die Biomasse wurde dann im Freien getrocknet. „Mit 650 Litern an Algenkulturen haben wir 65 Kilo Trockenmasse produziert“, erzählt Dvash stolz.

Die Klasse bewahrt einiges davon auf, um weitere Zuchtmethoden ohne Strom zu erproben. Der 15-jährige Ori Shemor erklärt, dass noch mehrere Experimente anstehen, um den Einfluss unterschiedlicher Licht-, Temperatur- und Luftfeuchtigkeitsverhältnisse zu testen.

Projekt stößt auf internationales Interesse



Das Projekt sorgt aber schon jetzt für Aufsehen. Forschende von der Bar-Ilan-Universität helfen den Nachwuchsbiologen dabei, den Proteingehalt der Algen weiter zu steigern. Die Weltwissenschaftsorganisation UNESCO hat den Jugendlichen angeboten, ihre Arbeit über das globale Netzwerk ‚Associated Schools Project‘ zu verbreiten. Dem Netzwerk sind fast 10.000 Bildungseinrichtungen in mehr als 180 Staaten angeschlossen. ‚Rotary International‘ ist zudem bereit, einen Teil der Projektkosten zu tragen.

Im April besuchte außerdem ein Vertreter des äthiopischen Bildungsministeriums die Schule in Tel Aviv, um sich ein Bild von der Algenzucht zu machen. Auch die Regierungen von Südafrika und Lesotho haben Interesse bekundet, wie Schulrektor und Projektmentor Ze’ev Degani berichtet. Das Pilotprojekt habe das Potenzial, zwischen 700 und 1.000 Schulen in aller Welt zu erreichen. „Eine halbe Million Kinder werden binnen der nächsten zwei Jahre Spirulina in Becken und Flaschen züchten“, prophezeit er.

Savir Carmon und ihre Klassenkameraden wollen aus ihrem Experiment allerdings keinen Profit schlagen. Statt das Produkt zu verkaufen, haben sie vor, ihre Kenntnisse an andere Schüler auf der ganzen Welt weiterzugeben, damit diese für sich selbst Spirulina züchten können.

 

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.