Gute Beispiele aus

Indien: Müll zu Wohlstand, Frauen im Recycling-Rausch

Frauen produzieren und verkaufen Gegenstände aus Müll. Foto: Thanal, IPS

Von K.S. Harikrishnan

Kovalam, Indien, 2. Mai 2012 (IPS) – Wenn man vom weißen Strand des südindischen Urlaubsparadieses Kovalam aus auf das türkisblaue Arabische Meer blickt, ist es schwer vorstellbar, dass das international beliebte Touristenziel noch vor zehn Jahren von Müllbergen verschandelt wurde. Eine Selbsthilfegruppe von Frauen will die Ortschaft im Bundesstaat Kerala in eine „abfallfreie Zone‘ verwandeln – indem die Mitglieder den Müll zu Taschen und anderen nützlichen Dingen verarbeiten.

Leena, die Leiterin einer von mehreren Zivilgruppen in Kovalam, war erst skeptisch, als sie von dem Projekt hörte. „Dass Müll ein Rohstoff sein könnte, war für mich eine unmögliche Vorstellung. Das sollte sich aber rasch ändern.“ Die 35-Jährige findet es selbst nach wie vor erstaunlich, was aus weggeworfenen Zeitungen, Jutesäcken, Kokosnussschalen und alten Kleidungsstücken fabriziert werden kann.

Mit finanzieller Hilfe von Banken begann Leenas Gruppe vor einigen Jahren damit, Plastiktragetaschen durch umweltfreundliche Alternativen aus Papier zu ersetzen. Unterstützung erhielten die Frauen auch von dem ‚Zero Waste Center‘ (ZWC), das die Umweltorganisation ‚Thanal‘ 2001 gegründet hatte. Die Organisation verfolgt das Ziel, den Zusammenhalt in den Gemeinden zu stärken und Kapazitäten aufzubauen.

Experten sehen die Müllvermeidung als Grundsatz, auf deren Basis der Lebenszyklus von Rohstoffen verlängert werden kann. Dabei werden Produkte und Herstellungsweisen entwickelt, durch die sich Abfall ganz vermeiden oder dessen Menge und toxischer Gehalt zumindest verringert werden kann.

Obwohl lokale Behörden nicht mit den unabhängigen Gruppen kooperieren, ging es mit der alternativen Müllverwertung rasch voran. „Wir halten an dem Ziel fest, Kovalam zu einem müllfreien Ort zu machen“, erklärt die Managerin von ZWC, Sabeena Beevi. „Die Denkweise der Menschen verändert sich. Sie sehen weggeworfene Materialien inzwischen als Rohstoffe.“

Bisher über 2.000 Frauen an Programmen beteiligt

Im Rahmen ihrer Kampagne bildet das Zentrum darin fort, umweltschädliche Materialien zu ersetzen, verantwortungsvoll mit natürlichen Ressourcen umzugehen und bewusst zu konsumieren. Laut Beevi haben bereits mehr als 2.000 Frauen gelernt, aus Müll verschiedene Waren herzustellen. Dazu gehören Becher, Schüsseln, Löffel, Seifenschalen, Schlüsselanhänger und Blumenvasen, die statt aus Plastik aus Kokosnussschalen angefertigt werden. „Viele dieser Gegenstände werden von den Mitgliedern in Heimarbeit hergestellt“, berichtet Beevi. Auch Bambus, Bananenstiele und Jute kommen zum Einsatz.

Als Teil der Strategie unter dem Motto ‚Müll zu Wohlstand‘ gehen die Frauen mit ihren Produkten von Tür zu Tür oder verschicken Großbestellungen. Zurzeit wird eine Kooperative aufgebaut, die recycelte Waren auch von anderen Gruppen sammeln und zentral vermarkten soll.

Im Bundesstaat Kerala, in dem täglich rund 3.000 Tonnen Müll anfallen, ist Kovalam zu einem Vorbild geworden. Nach Schätzungen der Regierung wird bisher allerdings erst etwa die Hälfte des Abfalls zur Entsorgung gesammelt.

Thanal-Direktor C. Jayakumar, der die ‚Zero Waste Kovalam Campaign‘ weiterentwickelt, erinnert sich, wie alles 1999 begann. Damals schloss sich die Organisation mit anderen Gruppen zusammen, um Widerstand gegen den Plan der Regierung zu leisten, mitten im Touristenzentrum Kovalam eine Müllverbrennungsanlage zu bauen. Internationale Umweltvereinigungen unterstützten die Aktivisten in Indien. So dauerte es nicht lange, bis das Vorhaben der Regierung zu den Akten gelegt wurde.

Das Problem, was denn nun mit dem Müll geschehen sollte, blieb aber bestehen. Thanal erstellte daraufhin mit Fachleuten eine Untersuchung, um den Behörden behilflich zu sein. „Dies hat dem ‚Null Müll-Aktionsplan‘ in Kovalam den Weg bereitet“, sagt Jayakumar.

Hotels benutzen nur noch Wäschesäcke aus Papier

Einer der großen Erfolge der Initiative besteht darin, dass die Hotels in dem Feriengebiet keine Wäschesäcke mehr aus Plastik verwenden. Dafür greifen sie auf Papiertüten aus Kovalam zurück und schaffen damit neue Jobs.

Für die Verwertung organischer Abfälle wurden in der Ortschaft mehrere Biogasanlagen aufgestellt. Damit kann nun auch kostengünstiger und umweltschonender Treibstoff hergestellt werden.

Wolle man Abfall in internationalen Touristenzentren vermeiden, so müssten umfassende Methoden der wirtschaftlichen und ökologischen Nachhaltigkeit entwickelt werden, erklärt der bekannte Umweltexperte Shibu K. Nair.

In Kovalam werden weggeworfene Materialien danach sortiert, ob sie wiederverwendbar, recycelbar, reparaturfähig oder völlig unbrauchbar sind. Seit 2004 finden regelmäßig Aktionen zur Säuberung der Strände statt, bei denen Tausende Plastikflaschen gesammelt werden. „Dieses Programm macht unsere Arbeit öffentlich sichtbar. Hunderte Menschen machen bei der Flaschensuche mit. Damit helfen sie mit, Aufmerksamkeit zu erzeugen.“

Der Erfolg der Müllvermeidungsinitiativen sei davon abhängig, wie eng die Gemeinden daran beteiligt würden, sagt Nair, einer der Autoren des Buches ‚Waste Management in Rural Tourism Areas – A Zero Waste Approach‘, das vom UN-Entwicklungsprogramm UNDP und von Thanal herausgegeben wurde. Der Experte ist davon überzeugt, dass eine spezifische Ausbildung der Bevölkerung dazu führen kann, eine andere Einstellung gegenüber Müll hervorzubringen.

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