Gute Beispiele aus

Indien: Gratis-Medikamente in Rajasthan – Projekt wegweisend für gesamtes Land

HIV-Positive protestieren in Neu-Delhi gegen das Freihandelsabkommen zwischen Indien und der EU – Bild: Mudit Mathur/IPS

Von Zofeen Ebrahim


Peking, 8. November 2012 (IPS) – Der nordindische Bundesstaat Rajasthan setzt einen ehrgeizigen, flächendeckenden Gesundheitsplan um, von dem etwa 68 Millionen Menschen profitieren sollen. Die Chancen stehen gut, dass die Initiative im ganzen Land Schule macht.

Vor ungefähr einem Jahr begann die Regierung von Rajasthan, kostenlose Nachahmerpräparate (Generika) an die breite Bevölkerung zu verteilen. Rund 350 wesentliche Generika sind in dem Bundesstaat inzwischen gratis erhältlich. Infolgedessen hat die ambulante Patientenversorgung um 60 Prozent zugenommen, während die stationären Aufnahmen um 30 Prozent gestiegen sind. Dabei sind die öffentlichen Gesundheitseinrichtungen bereits überfüllt und personell unterbesetzt. Viele Kranke müssen zudem weit reisen, um das nächste Hospital zu erreichen.

Medienberichten zufolge ziehen derzeit mehr als 200.000 Menschen Nutzen aus diesem Programm. „Die guten Beziehungen zwischen Ärzten und Pharmaproduzenten, die seit Jahrzehnten bestanden, sind dadurch zerbrochen“, sagte Nirmal Kumar Gurbani Anfang November auf einem globalen Gesundheitssymposium in Peking. Der Experte ist Berater der ‚Rajasthan Medical Service Corporation‘ (RMSC), die von Chefminister des Bundesstaates, Ashok Gehlot, eingerichtet wurde, um das Programm umzusetzen.

Nach Angaben von Gurbani, der am Indischen Institut für Gesundheitsmanagement und -forschung (IIHMR) lehrt, dient das ‚Rajasthan-Modell‘ als Pilotschema für ähnliche Vorhaben in ganz Indien, die den insgesamt 1,2 Milliarden Einwohnern des Subkontinents zu kostenfreien Medikamenten verhelfen soll.

Pharmaunternehmen und Apotheken manipulieren Preise



Das Programm verfolgt unter anderem das Ziel, die Preismanipulationen privater Apotheken und Pharmaproduzenten zu beenden. „‚Cipla‘ produziert beispielsweise drei verschiedene Medikamente gegen Erkältungen, die alle die gleichen chemischen Bestandteile haben. Die Firma verkauft die Generika zum Großhandelspreis von umgerechnet 0,03 US-Dollar pro Packung mit zehn Tabletten, während die Markenpräparate mit jeweils 0,42 Dollar berechnet werden“, erklärte Gurbani.

Der Apotheker biete dann die drei Arzneien zu Preisen zwischen 0,5 und 0,72 Dollar an, sagte er. Die Patientinnen und Patienten seien vom Arzt oder der Apotheke abhängig und nehme das Medikament, das ihnen empfohlen werde.

Um diese Praxis zu unterbinden, kauft die Regierung die Arzneien nun direkt von den Produzenten. Sie würden in 13.874 Verteilungszentren an die Bevölkerung abgegeben. Dies ist vor allem für die Menschen eine Erleichterung, die etwa wegen Diabetes und Herzkrankheiten lebenslang Medikamente nehmen müssen und diese bisher nur mit Mühe bezahlen konnten.

„Ein bestimmtes Markenmedikament gegen Diabetes kostet 2,17 Dollar. Wir kaufen aber Generika-Packungen mit zehn Tabletten für 0,036 Dollar“, sagte Gurbani. Der unterschiedliche Preis bedeute nicht, dass die Tabletten weniger wirksam seien.

Der ehemalige Sekretär des Ausschusses für grundlegende Arzneimittel der Regierung von Rajasthan sieht die Ausgaben für die medizinische Versorgung als zweitwichtigsten Grund für die Verschuldung der Bevölkerung in ländlichen Gebieten Indiens.

Unter Berufung auf offizielle Zahlen erklärte er auf dem Treffen in Peking, dass sich mehr als 40 Prozent der stationär aufgenommenen Patienten in Indien Geld leihen oder Vermögenswerte veräußern müssten, um die Behandlung zu bezahlen. Ein einziger Krankenhausaufenthalt habe ausgereicht, um 35 Prozent der Patienten in die Armut zu drängen. Mehr als 23 Prozent aller Kranken suchen demnach keinen Arzt auf, weil sie nicht das nötige Geld haben.

Der Mangel an medizinischen Fachkräften in Indien hat dazu beigetragen, dass die Kosten für die Gesundheitsversorgung astronomische Höhen erreicht haben. Nach Erkenntnissen der Weltgesundheitsorganisation WHO kommen in dem Land auf jeweils 10.000 Patienten nur durchschnittlich 6,5 Ärzte. Im Vergleich dazu gibt es in China 14,2 und in Großbritannien 27,4 Mediziner für die gleiche Anzahl von Patienten. Ausgaben für Medikamente machen laut Gurbani 50 bis 80 Prozent der Kosten für die Gesundheitsversorgung in Indien aus. Und dies, obwohl der Subkontinent als die ‚Apotheke der Welt‘ gilt.

Indiens Pharmabranche weltweit an dritter Stelle

Die indische Pharmaindustrie liegt weltweit an dritter Stelle. Ihre jährliche Produktion erreicht einen Wert von 25 Milliarden Dollar. Durch die Verkäufe im Inland werden zwölf Milliarden Dollar erwirtschaftet. Im vergangenen Fiskaljahr exportierte Indien Arzneimittel im Wert von 13,2 Milliarden Dollar. Die Regierung will dieses Volumen bis März 2014 auf 25 Milliarden Dollar verdoppeln.

Nach wie vor haben jedoch zwei Drittel der indischen Bevölkerung keinen geregelten Zugang zu grundlegenden Medikamenten. Der Gesundheitsexperte Ravi Narayan vom ‚All India Drug Action Movement‘ ist aber zuversichtlich, dass das Experiment in Rajasthan auch in anderen Teilen Indiens Schule machen wird. Der Bundesstaat Tamil Nadu mit 72 Millionen Einwohnern stellt ebenfalls kostenfreie Medikamente für alle Menschen bereit. Auch der Staat Karnataka wird nachziehen.

In den nächsten Jahren will Indien dem Ziel einer flächendeckenden Gesundheitsversorgung näherkommen. Zur Finanzierung des Programms wurden 5,5 Milliarden Dollar bereitgestellt. Spätestens im April 2017 sollen demnach 52 Prozent der Inder kostenlose Medikamente erhalten. 75 Prozent der Kosten werden von der zentralen Regierung in Neu-Delhi getragen, den Rest übernehmen die einzelnen Bundesstaaten.

 

 

 

 

 

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