Gute Beispiele aus

Guatemala: Erstmals Militärs wegen sexualisierter Gewalt angeklagt

Von Danilo Valladares

Guatemala-Stadt, 28. September 2012 (IPS) – „In den Militärunterkünften waren Zimmer eingerichtet, in denen wir vergewaltigt wurden – manchmal von drei, vier oder fünf Soldaten“, erzählt Rosa Pérez* im Gerichtssaal in Guatemala-Stadt. Sie ist eine von 14 indigenen Frauen, die während des guatemaltekischen Bürgerkriegs (1960-1996) von Militärs als Arbeits- und Sexsklavinnen missbraucht wurden.

Pérez vom Maya-Volk der Q’eqchi‘ wird in der Vorverhandlung von einer Übersetzerin und einer Psychologin begleitet. Unter Tränen berichtet sie, wie erst ihr Mann und dann sie selbst verschleppt wurde. Die drei gemeinsamen Kinder musste sie zurücklassen, und ihren Mann sollte sie lebend nie wiedersehen.

Das Gerichtsverfahren befasst sich mit der sexuellen Versklavung von Frauen in den Jahren 1982 bis 1986. Angeklagt sind 37 Soldaten der Militäreinrichtung in Sepur Zarco im Bezirk El Estor im nordöstlichen Departement Izabal.

„Der Militärkommandant Miguel Àngel Caal erklärte uns, dass wir mitkommen müssten, um für die Soldaten zu waschen und zu kochen“, so Pérez. Nachdem sie den ganzen Tag gearbeitet habe, sei sie von mehreren Männern umstellt, bedroht und dann vergewaltigt worden. „Einmal habe ich all meinen Mut zusammengenommen und mich an den Oberleutnant gewandt“, so die Indigene, die zum Zeitpunkt ihrer Gefangenschaft schwanger war und durch die Vergewaltigungen ihr Kind verlor. „Doch der sagte nur, dass ich die Soldaten selbst daran gewöhnt habe.“

Der Bürgerkrieg zwischen der linken Guerilla und der Regierung kostete rund 250.000 Menschen das Leben, 45.000 Personen wurden verschleppt. Nach Angaben der unabhängigen Kommission für geschichtliche Aufklärung wurden viele der Opfer auf Friedhöfen, in Geheimgräbern und auf dem Gelände der Kasernen verscharrt. Die Gewalt richtete sich mehrheitlich gegen Indigene, jedes vierte Opfer war eine Frau. 90 Prozent der Verbrechen gingen auf das Konto der Militärs.

„Mein vierjähriger Sohn war dabei und weinte“



Auch Juana Morales* steht im Gerichtssaal. Sie erzählt, wie 1982 mehrere Soldaten in ihr Haus in San Marcos in Izabal an der Grenze zum Departement Alta Verapaz eindrangen, um ihren Mann mitzunehmen. Was aus ihm geworden sei, wisse sie nicht. „Sie setzten mir eine Pistole auf die Brust und dann wurde ich von dreien vergewaltigt. Die anderen schauten zu. Mein vierjähriger Sohn war dabei und weinte.“

Schließlich konnte sie sich mit ihren drei Kindern in die Berge retten. „Wir hatten nichts zu essen, und meine Kinder wurden krank“, erzählt sie. Und dann sei ein Kind nach dem anderen an den Folgen des Hungers gestorben. Sechs Jahre brachte Morales in den Wäldern zu, dann kehrte sie in ihr Dorf zurück. Doch die beiden Häuser der Familien waren abgebrannt.

Wie Lucía Morán von der Nichtregierungsorganisation ‚Frauen verändern die Welt‘ gegenüber IPS erläutert, wird in Guatemala erstmals ein Präzedenzfall zugunsten der Menschlichkeit geschaffen. „Bisher hat noch kein Gericht in Guatemala die sexuelle Versklavung von Frauen als Verbrechen anerkannt.“

Sexualisierte Gewalt sei damals als Kriegswaffe eingesetzt worden. Die Aktivistin erinnert daran, dass erst in den 90er Jahren im Zusammenhang mit den Kriegen in Ex-Jugoslawien und in Ruanda internationale Tribunale geschaffen wurden, um diese Verbrechen zu ahnden.

Die Aktivistin berichtet, dass es in den Jahren 1982 bis 1986 in der Region, in der Pérez und Morales lebten, zu keinen bewaffneten Zusammenstößen zwischen Regierungstruppen und Guerilla gekommen sei. Die Militärs hätten sich dort aufgehalten, um die ökonomischen Interessen der lokalen Großgrundbesitzer zu schützen, die dort vor allem Öl und Mineralien abgebaut hätten.

In der Gerichtsverhandlung kam auch ein Militärvertreter zu Wort. Sergeant Ricardo Méndez Ruiz räumte zwar ein, dass es zu Missbrauchsfällen gekommen sei. Doch gleichzeitig betonte er, dass solche Verbrechen auch den Rebellen anzulasten seien und geahndet werden müssten. Méndez Ruiz hatte 2011 26 Personen wegen seiner Entführung im Jahr 1982 verklagt, hinter der er die Guerilla vermutet. Heute tritt er für die im Falle Pérez und Morales angeklagten Soldaten ein.

„Es ist offensichtlich, dass die Zeugen und Kläger der Staatsanwaltschaft Personen mit einem geringen Bildungsstand sind, die nicht in der Lage sind, genaue Angaben zu machen“, sagte Méndez Ruiz gegenüber IPS. „Sie könnten also manipuliert worden sein.“ Seiner Ansicht nach arbeitet die Staatsanwaltschaft in diesem Fall nicht objektiv und will den Fall nutzen, um am Militär „Rache zu üben“.

* Name von der Redaktion geändert

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