Gute Beispiele aus

Großbritannien, Frankreich: Transition Towns bringen Lebensqualität

Bezahlen mit dem Bristol-Pfund – Bild: Mark Simmons/IPS

Von Stephen Leahy 

Frankreich, 10. Oktober (IPS) – In einem Pub in Ashton Hayes, einer kleinen Siedlung im britischen Cheshire, hat eine Abendveranstaltung zum Thema Klimawandel und Energie das Leben der Dorfbevölkerung auf den Kopf gestellt. Zwei Jahre nach dem denkwürdigen Treffen konnten die Einwohner einen Rückgang ihrer CO2-Emissionen um 20 Prozent vorweisen. Jetzt wollen sie die erste CO2-neutrale Ortschaft ihres Landes werden.

„Es ist uns allen bewusst, dass Klimawandel und Ressourcenschwund ein Umdenken erfordern“, meint Rob Hopkins, einer der Gründer von ‚Transition Town‘ (‚Übergangsstadt‘), einer Bewegung, die Menschen zusammenbringt, um Nachhaltigkeitsstrategien für Straßen und Viertel zu entwickeln und umzusetzen. „Am Anfang stand die Frage: Was können wir Bürger gegen den Klimawandel tun, wenn die Regierungen nichts auf die Reihe kriegen?“

Szenenwechsel. In dem südafrikanischen Weiler Greyton hatten sich die Abfälle zu einem eklatanten Entsorgungsproblem entwickelt. Daraufhin begannen die Menschen, den Müll in Plastikflaschen zu füllen – und fertig waren die Ökobriketts. Sie haben sich als solide Baustoffe mit einem hohen Dämmungspotenzial herausgestellt und werden zum Bau von Toilettenhäusern verwendet.

In Portugal, wo die Arbeitslosigkeit die 20-Prozent-Schwelle überschritten hat und die Löhne fallen, konzentriert sich die Übergangsbewegung darauf, die Abhängigkeit von monetären Zahlungsmitteln einzuschränken. Drei Tage lang ist es einer Kleinstadt gelungen, ganz ohne 
Geld auszukommen, indem die Menschen mit Dienstleistungen ‚zahlten‘.

Abhängigkeiten verringern



„Wir können Dinge in Bewegung bringen“, ist Hopkins, Autor des Buches ‚Power of Just Doing Stuff – How Local Action Can Change the World‘ (etwa: ‚Die Macht des Handelns – Wie lokale Aktivitäten die Welt verändern können‘), überzeugt. Tatsächlich haben sich inzwischen um die 1.000 Gemeinschaften der freiwilligen Non-Profit-Bewegung Transition Towns angeschlossen, um mit eigenen Initiativen ihre Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zu verringern und als Nahrungsmittel-, Wasser-, und Energieselbstversorger Wohlstand und Lebensqualität zu generieren.

Wie aus dem letzten Bericht des Weltklimarats IPCC vom 30. September hervorgeht, sind die von 1983 bis 2012 in der nördlichen Hemisphäre gemessenen Temperaturen die höchsten der letzten 1.400 Jahre. Der vorsichtig formulierte Bericht schildert wissenschaftliche Beobachtungen wie den Anstieg der Temperaturen, veränderte Niederschlagsmuster und Wetteranomalien. Er bestätigt zudem, dass sich die Trends weiter verschärfen und die CO2-Emissionen steigen werden.

„Den Städten fällt die wichtigste Rolle bei den Bemühungen um eine CO2-Null-Bilanz zu“, meint George Ferguson, der Bürgermeister der 500.000 Einwohner zählenden britischen Stadt Bristol. Wie er berichtet, liegen die Schwerpunkte seiner Stadt auf der Förderung des Aktivtransports wie Radfahren und dem Ausbau von Grünflächen. „Wir wollen die Luftqualität und Gesundheit der Bevölkerung verbessern.“

Als eine der ersten Übergangsstädte ist Bristol zu einer lebendigen Ökostadt für alle geworden, geboren aus dem Austausch von Ideen und Erfahrungen. Bestimmte Straßen sind zwischen 15.00 und 17.00 Uhr für Autos gesperrt, um Kindern die Möglichkeit zu geben, dort ungestört zu spielen. Diese Regelung hat in vielen anderen Gemeinden Nachahmung gefunden.

Lokale Währungen



Bristol ist darüber hinaus Großbritanniens Recycling-Queen. Nun hat die Stadt vor, ein eigenes nachhaltiges Energieunternehmen zu gründen. Ab Anfang nächsten Jahres wird zudem Schulkindern im Rahmen eines von der Stadt finanzierten Aufforstungsprojekts Umweltwissen vermittelt. Sie dürfen unter anderem selbst entscheiden, welche Baumarten wo angepflanzt werden. Diese Mädchen und Jungen, so Ferguson, werden ihr ökologisches Wissen an die Eltern weitergeben.

Ferguson bezieht sein gesamtes Gehalt in Bristol-Pfund. Diese Währung wird nur von den lokalen Geschäften angenommen. Mit ihr zahlt er Essen, Kleidung, Friseurbesuch und all die anderen Dinge, die er braucht.

Derzeit sind weltweit mehr als 400 alternative Währungen in Umlauf. Im Zuge der Globalisierung und der Dominanz großer Konzerne werden es immer mehr. Die Bürger von Bristol können sogar ihre Steuern in der Lokalwährung zahlen. Von großen transnationalen Ketten werden sie nicht angenommen. In diesem Sommer wurde Bristol als erste britische Stadt zur Grünen Stadt Europas 2015 ernannt. „Was wir tun“, betont Ferguson, „lässt sich leicht auf andere Städte übertragen“.

Klimaschutz bremst Landflucht 



Saint-Gilles-Du-Mené im französischen Brittany war einst ein Dorf mit schwacher wirtschaftlicher Entwicklung und starker Abwanderungsbewegung. Dann entschloss es sich dazu, zum Netto-Energie-Produzenten zu werden und sich damit neu zu erfinden. Inzwischen bezieht die Ortschaft 30 Prozent ihrer Energie aus einer Kombination eigener Energiequellen wie Wind, Sonne und Biomasse. Außerdem wurde die Wärmedämmung der Häuser erheblich verbessert. Bis 2025 wollen die Bürger ihre Stromüberschüsse an die Nachbardörfer verkaufen.

„Unsere eigene Energiewende hat Arbeitsplätze und Synergien geschaffen. Wir stellen unseren eigenen Biotreibstoff für unsere Traktoren her“, erzählt Celine Bilsson vom Gemeindeausschuss für erneuerbare Energien. Wie sie weiter betont, hat sich ihre Ortschaft von der österreichischen Stadt Güssing inspirieren lassen. Die einst verarmte Stadt war die erste Europas, die sich Ende der 1990er Jahre komplett auf die Versorgung mit erneuerbaren Energien umstellte.

Güssing halbierte seinen Energiebedarf mit Hilfe von Energieeffizienzmaßnahmen. Inzwischen verdient die Gemeinde Millionen Euro am Verkauf von Biostrom. 

“In Saint-Gilles-Du-Mené haben wir keine Zeit mit Studien vergeudet. Wir haben einfach reagiert“, so Bilsson. „Man muss nur anfangen.“

 

 

 

 

 

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