Eine geschlechtergerechte Welt ist möglich

Von Ute Scheub*

Internationaler Frauentag in der Elfenbeinküste. Foto: Ky Chung/ UN Photo

Nach der Schaffung der neuen UN-Frauenorganisation UN Women setzen in der UNO heftige Auseinandersetzungen um Geschlechtergerechtigkeit ein. Ein international besetztes Panel soll Studien fertigen, die die beste Politik entwerfen, aber es gibt Streit um dessen Zusammensetzung. Welche Nationen, welche politischen Strömungen, welche Institutionen sollen vertreten sein? Man blockiert sich gegenseitig, nichts bewegt sich.

Schließlich schafft ein Club angesehener Nobelpreisträgerinnen, Ökonomen und Friedensfrauen mit dem Memorandum „Glück 2.0“ den politischen Durchbruch. Das Gremium legt mit schlüssigen wissenschaftlichen Beweisen dar, dass die längerfristige Alternative entweder im gemeinsamen Untergang aller Nationen mit Millionen von Toten besteht oder im gemeinsamen Schaffen einer ökosolidarischen, stärker von Frauen geprägten Wirtschaft. Es werde eine katastrophale Lose-Lose-Situation geben, wenn Patriarchat plus Klimakrise plus Militarismus plus Finanzkapitalismus so weitergingen. Oder aber eine Win-Win-Situation, wenn Frauen und Männer gemeinsam die Weichen stellten für Abrüstung und einen Green New Deal.

Die Argumentation ist im Kern simpel mathematisch. Wird die weibliche Hälfte der Bevölkerung gleichberechtigt am Aufbau des Gemeinwohls beteiligt, kann sich eine Nation doppelt so schnell entwickeln. Wird sie durch die männliche Hälfte der Bevölkerung aber kontrolliert und im Haus eingesperrt, muss eine Nation stagnieren oder gar verelenden, da beide Geschlechter mit unproduktivem Verhalten ihre Zeit vergeuden. Rüstung ist immer kontraproduktiv, weil Waffen in Kriegen „verbraucht“ werden müssen. Die Friedenssicherung und der Aufbau einer ökosozialen Wirtschaft gelingt am besten mit Frauen. Nicht weil diese die besseren Menschen sind. Sondern weil viele wissenschaftliche Studien ergeben haben, dass Frauen aufgrund ihrer anderen sozialen Rollen und größerer Distanz zu Militär, Gewalt und Machtpositionen mehr aufs Gemeinwohl achten.

Das Memorandum zeigt einen engen Zusammenhang zwischen (geschlechter)egalitären Verhältnissen und mentaler Zufriedenheit der Bevölkerung auf und beruft sich dabei auf den Stand der Glücksforschung. Ab einem Prokopf-Einkommen von etwa 20.000 Euro jährlich nehmen subjektive Gefühle von Glück und Zufriedenheit nicht mehr zu, auch wenn der Wohlstand weiter steigt. Sie nehmen sogar ab, wenn andere Bevölkerungsgruppen reicher sind als man selbst. Denn im Versuch, diesen Unterschied aufzuholen und weitere Reichtümer zu scheffeln, gerät man in eine endlose „Tretmühle des Glücks“, die auch die Gier auf den Finanzmärkten und die Umweltzerstörung weiter antreibt. Staaten mit vergleichsweise hoher Gleichberechtigkeit sind hingegen nachweisbar erfolgreicher, stabiler und ökosozialer ausgerichtet, und ihre Bevölkerung zeigt sich deutlich zufriedener. Nicht nur Frauen, auch Männer sind dort laut Umfragen glücklicher, gesünder und weniger gestresst; sie werden auch deutlich älter als ihre Geschlechtsgenossen in patriarchalischen Gesellschaften. Das beweisen etwa die skandinavischen Länder, einige verbliebene traditionelle Matriarchate wie die Mosuo in China, die Karen im Himalaya und die Bevölkerung im mexikanischen Yucatán. Das beweisen aber auch lernwillige Postkonfliktländer wie Liberia oder Ruanda, die konsequent auf Frauenförderung setzen.

Das Memorandum „Glück 2.0“ wird im Internet veröffentlicht und mit Unterstützung progressiver Medien und Stiftungen in unzähligen Zeitungen, Zeitschriften, Radio- und Fernsehsendern vorgestellt und diskutiert. Die Resonanz ist riesengroß und weitgehend positiv. Dies auch deshalb, weil ein weltweites Bündnis prominenter Männer – darunter Nelson Mandela, Bischof Tutu, Richard Gere, Mohammed Yunus und Bruce Springsteen – sich für das Memorandum einsetzt.

Nach seiner Veröffentlichung ergreifen UN-Organisationen und -Mitgliedsstaaten umfassende Maßnahmen. Die UN-Generalversammlung wählt eine Generalsekretärin, die einen Zehnjahresplan zur Umsetzung der Empfehlungen von „Glück 2.0“ vorlegt. Dazu gehören unter anderem

  • die gleichberechtigte Einbeziehung von Frauen in alle Entscheidungsgremien der nationalen und internationalen Politik, Sicherheitspolitik und Wirtschaft
  • die stufenweise Abrüstung aller nationalen Armeen, verbunden mit der konsequenten Förderung von Krisenprävention und ziviler Konfliktbearbeitung
  • die weltweite massive Unterstützung von ökologischer Landwirtschaft und nahrungsproduzierender Kleinbäuerinnen
  • die Umverteilung von oben nach unten mittels Öko-, Tobin- und Reichtumssteuern

Es folgen massive Störmanöver von Lobbygruppen aus der Rüstungs- und Agroindustrie sowie einiger radikaler Männerrechtler, die sich nicht kontrollieren lassen wollen. Doch die Hackerinnen von Wikileaks veröffentlichen die entsprechenden Planungen dieser Lobbyisten, und wachsamen zivilgesellschaftlichen Gruppen gelingt es nach einer Zeit heftiger Machtkämpfe, ihre medialen Manöver weitgehend zu unterbinden. Dies auch deshalb, weil das Bündnis prominenter Männer engagierte Männergruppen weltweit unterstützt. Diese führen in der Folge mit allen medialen Mitteln vor, dass eine andere Männlichkeit möglich ist: Mann kann stark sein, fürsorglich, väterlich, engagiert, leidenschaftlich lieben und konsequent gewaltfrei leben. Diese Positivbeispiele und Role Models vermögen viele Männer zu überzeugen, die zuvor mit diffusen Ängsten oder Aggressionen auf ihren vermeintlichen Statusverlust reagiert haben.

In den folgenden Jahren entsteht eine lebendige öffentliche Debatte in allen wichtigen internationalen Gremien und ein regelrechter Umsetzungswettbewerb durch Nationen und Institutionen. In der UNO wird eine Parlamentarische Versammlung eingerichtet, also eine Art Weltparlament von Abgeordneten und Zivilgesellschaft, in dem die besten Erfolgsmodelle aus allen Nationen und Regionen vorgestellt werden:

  • Bhutans Festschreibung von Glück als Staatsziel Nummer eins,
  • Schwedens Gleichberechtigungspolitik,
  • Norwegen Frauenförderung in der Wirtschaft,
  • Ruandas durchgängige Frauenförderung,
  • Österreichs Gewaltschutzgesetz,
  • Costa Ricas Regenwaldschutz und sein Verzicht auf ein nationales Militär,
  • Südafrikas „Regenbogen“-Verfassung,
  • Brasiliens Armutsbekämpfung,
  • Deutschlands Erneuerbare-Energien-Gesetz
  • Deutschlands Aktionsplan Krisenprävention und zivile Konfliktbearbeitung (der endlich gemäß seiner Bedeutung gefördert wird)
  • Dazu unzählige weitere Exempel aus Regionen und Städten, zum Beispiel das bedingungslose Grundeinkommen in Omitara in Namibia.

Jedem Land, jeder Stadt, jedem Dorf gereicht es fürderhin zur Ehre, im Weltparlament als Erfolgsmodell vorgestellt zu werden. Die Diskussionen in dieser reformierten UNO gleichen weniger den üblichen parlamentarischen Debatten, sondern mehr einer internationalen Lernakademie; die Erfolgsgeschichten werden per Multimedia vorgestellt und per Internet live in alle Welt übertragen.

Die Resonanz ist überwältigend. Positivmodelle werden auf diese Weise in die fernsten Winkel der Welt transportiert und dort kopiert.

Auf diese Weise werden die Milleniumsziele bis 2015 doch noch verwirklicht, obwohl es 2010 ganz danach aussah, als ob sie scheitern würden. Auch ein Klimaabkommen, das nach dem Scheitern des Klimagipfels von Kopenhagen unerreichbar schien, kann verblüffend schnell erreicht werden, weil die Verhandlungen mehrheitlich von Frauen mit diplomatischen Verhandlungsgeschickt geführt werden; selbst Saudi-Arabien hat eine weibliche Delegierte geschickt. Hunger, Armut, Krankheiten, Umweltkatastrophen und Analphabetismus sinken, ganz besonders in jenen Regionen, die Frauen und Mädchen am stärksten fördern. Die Zahl der Kriege und bewaffneten Konflikte nimmt ab, zumal der UN-Sicherheitsrat ein weltweites strenges Exportverbot für Rüstungsgüter, Minen und Kleinwaffen erlässt. Auch die Rate der häuslichen Gewalt und Gewaltakte gegen ethnische und religiöse Minderheiten vermindern sich.

Also alles eitel Sonnenschein? Nein. Es gibt immer noch mächtige Männer, die beleidigt und gekränkt auf ihren Statusverlust reagieren. Zwar wird Ahmedinedschad im Iran schließlich doch noch von einer grünen Revolution hinweggefegt, zwar treten die bizarren Diktatoren von Nordkorea und Burma von der Bühne ab, zwar wird die gesamte Al-Kaida- und Taliban-Führung von einer neuerlichen pakistanischen Flutwelle den Indus hinuntergespült, die auf wundersame Weise nur diese Figuren mitreißt und sonst niemanden, zwar wird Putin beim medialen Schau-Ringen mit einem Bären schwer verletzt. Aber zum neuerlichen Jubiläum von Resolution 1325 im Jahre 2025 treten die betagten Herren Thilo Sarrazin, Geert Wilders, Henryk Broder und Silvio Berlusconi vor die Kameras, um wortreich den Niedergang der Welt im Allgemeinen und den Verlust ihrer Männlichkeit im Besonderen zu beklagen. Es sei alles so langweilig geworden, jammert Wilders. Die Freiheit sei in Gefahr, überall wimmele es von Gutmenschen, unkt Sarrazin. Seit der weltweiten Zurückdrängung von Prostitution und Frauenhandel könne mann keine Abenteuer mehr erleben, schimpfen Broder und Berlusconi gemeinsam.

Eine fröhliche Jungmännergruppe von Greenpeace lädt Sarrazin, Wilders, Broder und Berlusconi daraufhin zu einer Schlauchboot-Tour zum Schutz der Wale ein: „Wenn ihr Manns genug seid, dann steigt ein und kämpft! Die Wale werden euch mehr lieben als die Frauen.“

* Ute Scheub ist Journalistin und Autorin in Deutschland sowie westeuropäische Koordinatorin der 1000 Friedensfrauen weltweit

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