Die Dringlichkeit eines feministischen Südens

Eine Vision von Anuradha M. Chenoy*

Indien: Frauen aus Gujarat auf dem Weg zur Arbeit. Foto: Jean Pierre Laffont/ UN Photos

Gleichheit beginnt im Bauch in unserem feminisierten Süden. Die Tötung weiblicher Föten wegen der Bevorzugung von männlichen, die früher mehr als 90 Millionen „vermisste” Mädchen in Indien, China, Afghanistan und Pakistan erzeugt hat, gehört nun der Vergangenheit an.1 Jedes Mädchen hier ist jetzt gut versorgt. Es ist nun Geschichte, dass die Säuglingssterblichkeitsrate in Indien bis 2007 für Mädchen um 43 Prozent höher lag als für Jungen.2 Und natürlich sind die Mädchen nicht länger vom Schulunterricht ausgeschlossen, seit ein verpflichtender Gratis-Schulbesuch in unseren Ländern des Südens eingeführt wurde.3

Jene 10 bis 77 Prozent der Bevölkerung in verschiedenen südlichen Ländern, die früher von weniger als zwei Dollar pro Tag bzw. unter der Armutsgrenze lebten, sind nicht mehr arm oder unterernährt, seit alle Staaten Gesetze erlassen haben, die auf sozialer Rechenschaft basieren. Von den Mindestlöhnen kann man jetzt leben. Die Bauernschaft wurde von Schulden befreit, sodass es nun keine bäuerlichen Selbstmorde mehr gibt. Millionen von Binnenflüchtlingen in allen südlichen Ländern, die durch Mammutprojekte und riesige Staudämme vertrieben wurden, sind wieder angesiedelt worden, auf Plätzen, die sie ihr Zuhause nennen können, weil die Politik jetzt Land im Austausch für Land vergibt.

Weil jeder Index gezeigt hat, dass die neoliberale Globalisierung Ungleichheit produzierte, wurde entschieden, dass der Süden wieder nachhaltige und eigenständige Entwicklung fördert, sodass sich die Unterschiede zwischen Stadt und Land vermindern; sodass Landreformen die Gründung von gemeinschaftlicher und kollektiver Landbebauung unterstützen; sodass Gemeinschaftsdörfer wiederbelebt und gesetzlich geschützt werden; sodass öffentliche Wohlfahrt das Herz der Wirtschaftspolitik darstellt.

Und ja, in unserem feminisierten Süden sind Minderheiten nicht mehr bedroht. Ob das nun die Tamilen in Sri Lanka sind, der Chittagong-Stamm in Bangladesch, Muslime, Sikhs und ChristInnen in India, die Karen oder die KurdInnen – sie alle haben gleichen Zugang zu Recht und Gerechtigkeit, ihre religiösen Stätten werden beschützt, sie werden nicht länger als Bedrohung gesehen oder dämonisiert durch ein staatlich gefördertes Mehrheitsprinzip. Das geschieht, weil Demokratisierung zum andauernden Prozess wurde und das Rechtssystem berechenbar und ohne Verzögerung funktioniert. Die Demokratie selbst ist feminisiert. Die niedrige und ungleichmäßige Vertretung von Frauen in Parlamenten, die in Indien 9 Prozent, in Pakistan 20, in Bangladesh 15 und in vielen westasiatischen Ländern 0 Prozent betrug, wurde durch Quoten verbessert, sodass Frauen jetzt 50 Prozent der Parlamentssitze und aller Machtpositionen innehaben. Und darüber hinaus? Dieses Beispiel hat internationale Institutionen beeinflusst, und wir hörten, dass nun auch die Weltbank dem Süden folgen will!

Es gibt kostenloses Trinkwasser und Sanitärsysteme für all. Die Energie kommt aus Wind- und Solaranlagen in allen Dörfen, sie stellen auch Kochgas und Wärme für alle bereit. Schulen und Arbeitsplätze können zu Fuß und durch ein System freier Fahrräder in jeder Stadt erreicht werden. Die Menschen sind gesund im globalen Süden, weil die öffentlichen Ausgaben für Gesundheit, die 2008 in Indien 0,9 Prozent, in Pakistan 0,4 und in China 1,8 Prozent des Bruttosozialprodukts betrugen, nun auf 20 Prozent des BSP gestiegen sind. Das war möglich, weil die früher unaufhaltsam steigenden Rüstungsausgaben in Ländern wie Indien, China und Pakistan nun gestrichen wurden, weil das Militär nicht mehr nötig ist.

Mädchen sind nicht länger verschleiert, weil sie selbst Bewegungen für Autonomie und Empowerment anführen und nicht mehr die Symbole für ihre Gemeinschaft darstellen. Und ihre Gemeinschaft ist nicht mehr als „Außenseiter” markiert. Da es jetzt kein Patriarchat mehr gibt, warum benötigen wir dann noch Nationalismus? Jetzt fragen wir uns, welche Verbrechen diese Frauen begangen haben sollten, dass sie vor der Gesellschaft versteckt wurden. Jetzt werden nur noch Kriminelle verschleiert. Diejenigen, die Frauen töteten, weil diese es gewagt hatten, jemanden außerhalb ihre Gemeinschaften zu lieben und zu heiraten, wurden bestraft. Die freie Wahl von SexualpartnerInnen wird respektiert, und niemand wird dafür bestraft oder ausgegrenzt.

Weil nunmehr Vollbeschäftigung vorherrscht, werden Frauen auch nicht länger für unbezahlte Haushaltsarbeit missbraucht. Und anders als in unserer Vergangenheit, in der Frauen in verschiedenen südlichen Ländern 50 bis 90 Prozent weniger als Männer verdienten, bekommen sie nun gleichen Lohn für gleiche Arbeit. Hausarbeit wird wertgeschätzt und von Männern und Frauen in der Familie aufgeteilt. Und um das alles noch zu überbieten, hat der Süden feminisierte Arbeitsgesetze erlassen. Das bedeutet, dass Leben und Arbeit ausgewogen sind; dass die Renten gesichert sind; dass Krippenplätze erschwinglich sind: dass Chefs zur Rechenschaft gezogen werden können: dass die Löhne reguliert sind; dass Arbeitslosengeld wieder eingeführt wurde.

Was früher in Waffen investiert wurde, wird jetzt in Menschen investiert. Süd- und Westasien sind Ost- und Zentralasien darin gefolgt, eine atomwaffenfreie Zone zu werden. Das wurde möglich, weil Friedensverträge zwischen Indien und Pakistan, China und Indien, Nord- und Südkorea unterzeichnet wurden; und Palestina ist jetzt eine unabhängige demokratische Republik. Die Taliban wurden durch progressive Kräfte marginalisiert, seit eine demokratische und säkulare Regierung sich in Afghanistan stabilisiert hat, und Frauen haben nun das Recht, sich genauso wie Männer im öffentlichen Raum zu bewegen. In Myanmar, wo Aung Sang Suu Kyi Präsidentin wurde, herrscht Demokratie; und Iran hat eine freie und faire Wahl erlebt. Nord- und Südkorea wurden wiedervereint. Es gibt keine Aufstände mehr, weil die Menschen Zugang zu Recht und Gerechtigkeit, zu lokaler Entwicklung und Regierungsfähigkeit haben. Darüber hinaus folgen wir jetzt dem Beispiel Costa Ricas, Grenadas und der Dominikanischen Republik, die demilitarisiert wurden und keine nationalen Armeen mehr haben. Das Dilemma des globalen Südens wurde gelöst, weil eine Feminisierung das Patriarchat ersetzt hat, weil das Konzept der geschlechtersensiblen menschlichen Sicherheit die Doktrin der nationalen Sicherheit ersetzt hat, weil die menschliche Entwicklung das Wirtschaftswachstum ersetzt hat.

Die Schritte:

Wie transformieren wir eine Vision in alltägliche Praxis? Die Geschichte der Frauenbewegung gibt hier einige Hinweise. Diese müssen als gleichzeitige holistische Maßnahmen ergriffen werden:

Feministische Forscherinnen und Aktivistinnen müssen die enorme Aufgabe fortsetzen, die Mythen und Theorien zu entzaubern, die Unterdrückung rechtfertigen. Also gleichzeitig aufzeigen, wie groß die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern ist; dass das Patriarchat in persönlichen, gemeinschaftlichen, sozialen, ökonomischen, nationalen, politischen, kulturellen und internationalen Strukturen eingebettet ist; dass es die gängigste und durchdringendste Form ist von Identitätspolitik, Ausschluss und hierarchischer Differenz. Die Forschung zeigt jetzt, dass der Neoliberalismus eine deutliche Voreingenommenheit gegen Frauen erzeugt. Dass hohes Wirtschaftswachstum und steigende Einkommen in halbentwickelten Ländern Armut und Unterernährung nicht beseitigt haben, besonders bei Frauen und Kindern. Dass die Privatisierung des Gesundheitssystems in den meisten Ländern des Südens zu ihrem vermehrtem Ausschluss bei der Gesundheitsversorgung führte.

Forschung und Aktivismus zeigten außerdem, dass Entwicklungspolitik ohne Frauen ineffizient ist. Dass Frieden weder gerecht noch nachhaltig ist, wenn Frauen am Friedensprozess nicht teilnehmen. Dies zeigt klar, dass Frauen ein integraler Teil jeder Politik, Umsetzung und Supervision sein müssen. Der Gender Empowerment Index beweist, dass in den Ländern eine hohe menschliche Entwicklung, eine starke Demokratisierung und die Einhaltung der Menschenrechte mit Geschlechteremanzipation verbunden sind. Die Forschung zeigt auch, dass die Theorie und Praxis von internationalen Beziehungen eine “frauenlose Welt” (Anne Tickner) erzeugt haben. Dass sich Militarisierung, Patriarchat und fremdenfeindlicher Nationalismus überschneiden und dabei geschlechtsspezifische Gewalt in bewaffneten Konflikten hervorrufen. Die Forschung zeigte ebenfalls, dass Armut und Unterentwicklung zu Konflikten beitragen und ethnische sowie Identitätskonflikte verschärfen. Und dass es einfacher ist, die Unterdrückten als Kanonenfutter für solche Bewegungen zu manipulieren. Und mehr Frauen als je zuvor sind Teile solcher Konflikte im Süden.

Aktivistinnen müssen ihre Erfahrungen, Botschaften und Ideen einbringen, um Rechte zu verteidigen, Unterdrückung aufzudecken, gegen Gewalt zu intervenieren, die Opfer zu unterstützen. Soziale Bewegungen, Frauenbewegungen, UN-Organisationen und NGOs haben diese Botschaft zu den internationalen Institutionen gebracht und einen Beitrag geleistet, sie in Gesetze umzusetzen, die anfangen, einen Unterschied auszumachen. Sie konnten einen begrenzten Zugang zu den hohen Ebenen der Politikmacher bekommen. Diese kollektiven Anstrengungen haben einige Hindernisse überwunden und das Recht auf eine gewisse Repräsentation von Frauen erreicht. Diese Arbeit muss fortgesetzt werden. Die Genannten haben nun die Aufgabe, dass Resolutionen wie 1325 und andere, die normative Idee der Schutzverantwortung und vieles mehr überall verwirklicht wird.

Der Neoliberalismus hat einen klaren Vorbehalt gegen Frauen und Mädchen. Um dem etwas entgegenzusetzen, muss die Wirtschafts- und Sozialpolitik geschlechtergerecht werden. Und die Betonung sollte darauf liegen, dass die Einkommen und der Einfluss der Frauen vergrößert wird. Regierungen sollten nationale Botschaften der Geschlechtergerechtigkeit formulieren und umsetzen. Nur wenn das passiert, wird Wirtschaftspolitik wirklich gerecht gegenüber beiden Geschlechtern. Veränderungen weiblicher Rollenbilder müssen durch systematische Erziehung, Erwachsenenbildung und durch die Massenmedien angestoßen werden, vor allem durch regierungsnahe. Studierende sollten ermutigt werden, Geschlechterfragen und ihre Lösungen als Teil ihrer Studien zu diskutieren. Es muss signifikant mehr Frauen in Entscheidungspositionen der Legislative, Exekutive und Judikative geben. Frauen müssen eine prominente Rolle in den Massenmedien spielen und Geschlechter-Stereotypen ständig in Angriff nehmen, statt einfach nur die Wichtigkeit von Geschlechterentwicklung und -gleichheit zu propagieren. Lernmaterialien wie Textbücher müssen auf allen Ebenen geschlechtersensibel verfasst werden. Kurzfilme, die Geschlechterprobleme und ihre Lösungen zeigen, müssen auch in schwer erreichbare Regionen gebracht werden, besonders zu den analphabetischen Armen, um ihr Bewusstsein über Geschlechterrollen zu stärken.

Es gibt vielfache Pfade und Visionen, und die Aufgabe für uns ist es, Menschen, ForscherInnen und AktivistInnen miteinander zu vernetzen, damit die Subjekte unserer Forschung, unseres Aktivismus und unserer Politik ihre eigenen Handlungsspielraum und ihre eigene Stimme entwickeln können. Feminisierung ist der Weg des Südens.

1Laut Lancet Journal vom 9.Januar 2006 wurden zwischen 1994 und 2005 zehn Millionen weibliche Föten abgetrieben. Das ist auch in China und anderen Ländern des Südens gängiger Brauch. Siehe auch Unicef, 2007 Report on World’s Children, http://www.wunrn.com/news/2007/03_07/03_12_07/031707_female.pdf

2 Unicef, 2007

3 Indien hat 2010 das Recht auf Bildung verabschiedet. Aber es muss noch umgesetzt werden.

* Anuradha Chenoy ist Professorin der Jawahar Lal Nehru Universität in Neu Delhi

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