Gute Beispiele aus

China: Das Wunder in der Wüste

Die beharrliche Friedensfrau Yin Yuzhen hat es erreicht, dass es in der Wüste in der Inneren Mongolei wieder regnet, Vögel und Schmetterlinge zurückkehrten. Foto: Maren Haartje

Von Maren Haartje

Ein Wunder ist geschehen ist der Wüste: Es regnet wieder. Nicht oft, aber immerhin. Wenn sich dunkle Wolken zusammenziehen und die er­sten Regentropfen fallen, ist Yin Yuzhen glücklich. Der Regen ist für sie der beste Beweis, wie richtig es war, ihre ganze Kraft in die Begrünung der Wüste zu stecken. Seit 37 Jahren haben Yin Yuzhen und ihr Mann ganz alleine Hunderttausende von Bäumen gepflanzt. Inzwischen haben sie in der Ordos-Wüste, die in die Wüste Gobi übergeht, ein Gebiet ungefähr von der Größe Andorras wieder ergrünen lassen.

Die etwa 57-jährige Yin Yuzhen ist eine einfache Bäuerin, lesen und schreiben hat sie nie gelernt. Mit 18 Jahren, so erzählt sie, wurde sie von ihrem Vater in die baumlose und fast menschenleere Wüste verheiratet. Das nächste Dorf war viele Tagesmärsche entfernt. Die ersten Jahre waren extrem hart, das Paar überlebte nur knapp, in einer winzigen Hütte mitten in den Sanddünen. Wasser spendete eine kleine Quelle, und Yins Mann hatte die Aufgabe, in den weit umher verstreuten Dörfern verendete Tiere einzusammeln, was ihnen ein kleines Einkommen und manchmal auch getrocknetes Fleisch einbrachte. Nicht nur einmal musste Yin eine Mahlzeit aus toten Ratten bereiten.

Einige Zeit nach ihrer Ankunft vor 37 Jahren, berichtet Yin, sah sie von Ferne einen Menschen in den Dünen: „Ich bin spontan hinter ihm hergerannt.“ Als er sie bemerkte, fing er vor Schreck ebenfalls an zu rennen – sie holte ihn nicht ein. Yin holte die einzige Schüssel aus ihrer Hütte und stülpte sie über den Fussabdruck. Sie schaute sich den Abdruck jeden Tag an, bis der Wind ihn verwehte. Daraufhin wollte sie sich das Leben nehmen, ihr Mann ebenfalls.

Aber dann entschieden sie sich doch noch anders und machten sich auf den tagelangen Weg über Sanddünen ins nächste Dorf. Ihr einziges Geld war Yins Brautgeld, und sie kauften davon eine alte Kuh, die ein Kalb bekam. Yin verkaufte es und erwarb vom Erlös Baumsaat und einen Setzling. Daheim pflanzte sie den ersten Baum vor ihrer Hütte.

Seitdem haben sie auf einem Gelände von 26 km Länge und 17 km Breite unzählige Oasen mit Bäumen und Büschen geschaffen, die sie jetzt nur noch miteinander verbinden müssen. Sie pflanzten über hundert verschiedene Arten an und lernten, welche am besten gediehen. Sie beluden ihren Eselskarren mit Wassereimern und gossen ihre Bäume in den Oasen. Nur nachts und in den frühen Morgenstunden, damit das kostbare Wasser nicht sofort wieder in der Sonne verdunstete. Zuerst kam der Tau zurück, dann der Regen. Auf kleinen Flächen, im Schatten der Bäume, pflanzt Yin heute Kartoffeln, Mais und Rüben an und alle acht Jahre auch Wassermelonen. Das Land ist Staatseigentum, das Yin und ihr Mann vor einiger Zeit gepachtet haben. Ihre unterirdische Hütte haben sie inzwischen durch ein Steinhäuschen ersetzt. Auf einem Stück Boden gedeihen sogar Weinreben. Insekten, Schmetterlinge und Bienen kehren zurück, und mit ihnen kommen die Vögel.

Yin weist mit Gesten in die Landschaft, erzählt und erzählt. Heute haben sie keinen Esel und keinen Karren mehr, dafür aber eine Muttersau, zwei magere Milchkühe und eine kleine Ziegenherde, die bestimmte Sträucher kurz halten soll. Und mehrere Brunnen, mit denen sie ihre Neuanpflanzungen wässern. Für älteres Grün reichen Tau und Regen, und größere Bäume dringen mit ihren Wurzeln ins Grundwasser vor, das hier nicht sehr tief liegt.

Lange hat sich niemand für die Wüste interessiert. Denn die Lebensbedingungen sind extrem: Der Winter dauert bis zu sieben Monaten, es kann bis minus 30 Grad kalt werden, im Sommer steigt das Thermometer auf 45 bis 50 Grad. Doch seit einigen Jahren fördert die Regierung die Begrünung der Wüste, weil sie Interesse daran hat, die Wanderdünen aufzuhalten: Sandwolken wehen über die ganze Region bis nach Peking, verdunkeln den Himmel und versanden fruchtbares Ackerland. Deshalb erhält die Familie heute eine kleine Unterstützung. Im Laufe der Jahre bekamen das Paar zwei Kinder, nahm zwei weitere verstoßene Kinder auf und brachte sie irgendwann zu Yins Schwiegereltern, damit sie zur Schule gehen konnten.

Yin Yuzhen ist eine von 1000 Frauen, die 2005 gemeinschaftlich für den Friedensnobelpreis nominiert worden sind. Inzwischen gesundheitlich angegriffen, hat sie einen Hain mit Kiefern für die 1000 FriedensFrauen angelegt, in den sie sich zurückzieht, wenn sie Kraft tanken will.

Und die braucht sie, denn die Behörden ignorieren ihr großes Wissen über Nachhaltigkeit. Yin pflanzt zum Beispiel schon lange keine Pappeln mehr an. Sie wachsen zwar schnell, verbrauchen aber viel Wasser und entziehen dem Boden Nährstoffe, unter ihrem Blätterdach wächst so gut wie nichts. Trotzdem fördert die Regierung vor allem die Bepflanzung durch Pappeln, weil sie schnellwüchsiges Holz für die Papierindustrie liefern. Immer mehr Menschen siedeln sich in der Wüste an, um im Schnellverfahren mit viel Wasser Pappeln zu züchten. Dabei weiß niemand, wie lange das Grundwasser noch reichen wird, weil niemand den Spiegel ausgemessen hat. Womöglich geht es schon bald zu Ende – und damit auch das großangelegte Begrünungsprogramm der Regierung.

Manchmal fordern die Behörden von Yin, irgendwelche Dokumente zu unterschreiben. Ein Grund zur Sorge, denn Yin Yuzhen ist immer noch Analfabetin und weiß nicht, was sie da unterschreibt – und dennoch hat sie ein Wunder in der Wüste vollbracht.

*Maren Haartje ist Programmverantwortliche der FriedensFrauen Weltweit und hat Yin Yuzhen besucht.

 

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