Gute Beispiele aus

Brasilien: Mit Fussball und Musik gegen häusliche Gewalt

Von Fabiana Frayssinet

Fußballfan in Brasilien. Foto: Fabiana Frayssenet/IPS

Rio de Janeiro (IPS) – Freitagabend im Armenviertel Santa Marta in Rio de Janeiro: Mehrere Männer sitzen beim Bier zusammen, auf einem improvisierten Grill brutzeln Fleischstücke. Mitten im Stimmengewirr erklingen plötzlich Samba-Rhythmen, jemand singt von Fußball, Frauen und häuslicher Gewalt.

Viele Männer summen das Lied mit. Es handelt von einem Mann, der auf seine Frau losgeht, weil sie vor lauter Geldsorgen vergessen hat, sein Fußballtrikot zu waschen. „Probleme zwischen Mann und Frau sind normal. Nicht aber körperliche oder verbale Attacken“, heißt es im Refrain. Mit dem Lied will die nichtstaatliche Organisation ‚Promundo‘ erreichen, dass die Männer in der Favela ihre Frauen mit anderen Augen sehen. Fußball und Musik sollen dabei helfen.

Das Samba-Stück ist in Santa Marta inzwischen sehr populär. Es war die inoffizielle Hymne eines Fußball-Turniers, das vor einem halben Jahr in der Siedlung mit etwa 10.000 Einwohnern ausgetragen wurde. Mitspielen durfte jeder, der am einen Workshop über männliches Selbstverständnis und Gewalt gegen Frauen teilnahm. „Zum ersten Mal konnten wir über das Thema von Mann zu Mann reden“, sagt der Rap-Sänger Gilson, der zusammen mit 118 anderen an den Seminaren von Promundo teilnahm.

„Fußball spielen macht uns den größten Spaß“, meint der 32-Jährige und zeigt stolz ein Foto, auf dem er ein Trikot mit einem Slogan gegen häusliche Gewalt trägt. Die Organisation, die in ganz Brasilien tätig ist, hat das Bild in einer ihrer Zeitungen veröffentlicht. „Lasst uns doch bald mal alle zusammen grillen“, schlägt Samuel Marques, einer der Projekt-Koordinatoren, vor.

Männer zunächst misstrauisch

Marques, der auch aus Santa Marta stammt, erinnert sich noch gut daran, dass sich am Anfang niemand für die Kurse anmelden wollte. Dort wurde über sensible Themen wie Gewalt gegen Frauen, Sexualität, Aufgabenteilung im Haushalt und die Gesundheit von Männern diskutiert.

Wie Promundo-Mitarbeiter Fabio Verani erklärt, war die 1991 in Kanada begonnene ‚Kampagne des Weißen Bandes‘ Vorbild für die Workshops. Die Initiative gegen häusliche Gewalt setzte sich dann in vielen anderen Ländern fort.

Marques stellt zufrieden fest, dass die Aktion in der Favela nach der ersten Skepsis gut angenommen wurde. „Viele Männer haben an den Workshops teilgenommen, gefehlt hat kaum jemand.“

Der 29-jährige Leandro, ein arbeitsloser Vater von vier Kindern, gibt zu, dass er anfangs ein Problem damit hatte, mit anderen über sein Leben zu sprechen. „Was zu Hause passiert, ist wirklich intim. Darüber zu reden, ist erstmal kompliziert.“ Nach und nach nahm der Mann seine Familie aber aus einem anderen Blickwinkel wahr.

„Nicht nur die Frau, sondern auch der Mann muss lernen, sich um die Kinder zu kümmern“, meint er heute. Leandro geht inzwischen mit seinem Nachwuchs auch mal auf den Spielplatz und liest ihnen Geschichten vor, damit seine Frau in Ruhe lernen kann. Diese Erfahrungen hätten seinen Horizont erweitert, erzählt er.

Die Sozialarbeiterin Verónica Mouro macht die „Macho-Gesellschaft“ für die Verbreitung häuslicher Gewalt verantwortlich. Eine Sichtweise, der sich Leandro anschließt. „Wenn der Vater die Mutter angreift, wird der Sohn seiner Freundin das Gleiche antun“, sagt er. „Denn seit seiner Geburt kennt er nichts anderes.“

Gewalt gegen Frauen gesellschaftlich akzeptiert

Fabio Verani war nach eigenen Angaben erstaunt, dass vielen Männern ihr Handeln durchaus bewusst war. Sie sähen Gewalt gegen Frauen aber als etwas, das gesellschaftlich akzeptiert sei. 20 bis 25 Prozent aller Kursteilnehmer in Brasilien räumten ein, gegen die Partnerin handgreiflich geworden zu sein. Viele rechtfertigten sich damit, Frauen disziplinieren zu müssen.

Dagegen konnte auch ein 2006 in dem südamerikanischen Land eingeführtes Gesetz gegen häusliche Gewalt nicht viel ändern. Für gewalttätige Männer sind unter anderem Haftstrafen von bis zu drei Jahren vorgesehen. Das allein reicht offensichtlich nicht aus.

Die Workshops seien seine „Rettung“ gewesen, gesteht Gilson. „Ich wollte nicht gewalttätig sein, wusste aber nicht, wie ich das verhindern sollte. Inzwischen kann er sich mit seinen Ex-Freundinnen treffen, ohne Wut zu empfinden. „Ich bin jetzt viel ruhiger und reflektierter“, meint er. Die Aggressivität von Männern hänge auch damit zusammen, dass sie ideologisch verblendet seien.

Gilson ist sich darüber im Klaren, dass Gewalt nicht von heute auf morgen aus dem Familienalltag verschwindet. Darauf müsse man aber mit den Kindern hinarbeiten, sagt er. Schließlich seien sie die Erwachsenen von morgen.

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