Gute Beispiele aus

Brasilien: Faire Öko-Mode für sozialen Frieden – Frauen in Favelas lernen schneidern

Aus recycelten Materialien kreieren Favela-Bewohnerinnen Öko-Mode – Bild: Fabiana Frayssinet/IPS

Von Fabiana Frayssinet


Rio de Janeiro, 23. November 2012 (IPS) – Ein brasilianischer Designer hat Mode aus der exklusiven Sphäre der ‚Catwalks‘ in die Favelas von Rio de Janeiro gebracht. Almir França will darauf aufmerksam machen, dass viele Trends eigentlich in Armenvierteln entstehen. Sein Öko-Label setzt auf Recycling und soziale Gerechtigkeit.

Der Slum Mangueira, in dem etwa 18.000 Menschen leben, hat keinerlei Ähnlichkeit mit den Modemeilen von Paris und Mailand. Früher war mit Drogenhandel und –konsum verbundene Gewalt in der Siedlung an der Tagesordnung, doch inzwischen kehrt in Mangueira allmählich Frieden ein. Dies ist nicht zuletzt den Bemühungen der Regierung zu verdanken, mit einer Kombination aus Polizeipräsenz und Sozialprogrammen für Ruhe und Ordnung zu sorgen.

„Wir sind Trendsetter“, meint Vanesa de Oliveira, eine Einwohnerin von Mangueira, selbstbewusst. „Was immer wir hier anhaben, wird eine Woche später auch anderswo getragen.“ Ob Haarbänder, Schuhe oder eine besondere Stickerei auf einer Bluse, alles finde irgendwie den Weg aus der Favela in die Stadt, sagt sie.

„Die Leute hier sind sehr kreativ. Und wir trauen uns zu provozieren. Uns kümmert es wenig, was über uns geredet wird. Wenn eine Frau etwas anzieht und sich darin gefällt, zählt nichts anderes mehr.“ Die Slumbewohnerinnen tragen meist knappe Shorts oder eng anliegende Hosen.

Tragen, was erträglich ist 



Ein ganzes anderes Bild bietet sich bei der Modewoche in Rio, wenn Farben und Texturen aus dem europäischen Winter mitten im Frühling der südlichen Hemisphäre vorgeführt werden. Dabei vertragen sich dicke Pullover und Mäntel nicht sonderlich gut mit Außentemperaturen von etwa 30 Grad Celsius.

„Wir kämpfen um eine eigene Identität. Wollen wir überhaupt Stoffe anderer Kulturen, die für unsere Temperaturen und geografischen Gegebenheiten ungeeignet sind?“, fragt Almir França, der in Mangueira das Projekt ‚EcoModa‘ leitet. In der Favela, in der eine der berühmtesten Samba-Schulen des Karnevals von Rio entstanden ist, lernen zurzeit 150 Favela-Bewohnerinnen Nähen, Sticken und Modedesign oder machen eine Model-Ausbildung.

„Wir wollen damit begreiflich machen, dass die brasilianische Mode in der Peripherie, in den Vororten geboren wird“, erklärt França. „Mode gilt eigentlich als elitär und von Paris aus verordnet. In Brasilien wird sie aber von der Mehrheit der Bevölkerung geschaffen.“ Unterstützt wird das Projekt vom Umweltministerium des Bundesstaates Rio de Janeiro.

Eine Wand des Seminarraums wurde mit der recycelten Tapete der Samba-Schule beklebt. Eine andere Wand ist mit Blumen in grellem Pink und Grün bemalt, den Symbolfarben der Karnevalsinstitution. Die Stühle stammen von Müllkippen und sind mit Stoffresten aus einer Textilfabrik bezogen.

Oliveira gehört zu den Schülerinnen der Nähklasse und fertigt gerade ein Kleid für ihre Tochter an, die damit an einer Aufführung in ihrer Schule mitwirken will. Oberstes Prinzip in allen Unterrichtsdisziplinen ist die umweltschonende Wiederaufbereitung gebrauchter Materialien.

„Die Frauen sollen begreifen, dass sich vieles recyceln lässt“, sagt Vanesa Melo, die Geschäftsführerin von EcoModa. „In der Textilindustrie werden Ressourcen häufig vergeudet. So landen bei der Herstellung von Hemden etwa 20 Prozent des Materials in der Abfalltonne. Mode darf kein Synonym für Konsum sein. Kreativität muss nicht bedeuten, dass alles neu ist.“

„Verlorenes retten“



EcoModa arbeitet mit Stoffresten, nutzt Pailletten und Federn vom letzten Karneval. Selbst Plastik- und Glasflaschen lassen sich verwenden. „Die Menschheit kämpft heute um ihr Überleben“, sagt França. „Umweltprobleme sind damit eng verbunden. Unser Job besteht darin, das Verlorene zu retten.“

Auch das durch das Elend geschwundene Selbstbewusstsein der Frauen in den Favelas soll wieder gestärkt werden. Dabei werden viele teure Kreationen, die von Topmodels auf bekannten Laufstegen vorgeführt werden, von armen Näherinnen in den Slums hergestellt. „Diese Frauen sind die eigentlichen Modeschöpferinnen. Um zu unserer eigenen Identität zu finden, suchen wir einen Weg, unsere Kreativität mit Umweltbewusstsein und sozialer Inklusion zu verbinden“, meint der Designer.

Für Andrea Ferrancini war der Kurs bei EcoModa ein „Geschenk des Himmels“, weil sie gerade verzweifelt auf der Suche nach einer neuen Einkommensquelle war. Sie freut sich, Teil einer Kooperative zu werden, die sich auf die Prinzipien der solidarischen Wirtschaft stützt. „Wir machen Mode des Widerstands, unsere Ästhetik ist der soziale Wandel“, erklärt França. „Mit internationalen Modeunternehmen, die ihre Arbeitskräfte ausbeuten und wie Sklaven behandeln, will EcoModa nichts zu tun haben.“

„Die Menschen sollen sich aktiv an dem gesamten Prozess von Kreation, Produktion und Vermarktung beteiligen“, sagt Ingrid Geromilich vom Umweltministerium. „Wir wollen kein grünes Solidaritätslabel gründen, um Arbeitskräfte billig auszubeuten. Diese Leute sollen eine Hauptrolle in ihrer eigenen Geschichte spielen.“

Die Kleider, die die Schülerinnen von EcoModa entwerfen und schneidern, werden von Models aus der Favela bei einer Modenschau präsentiert, die von der Polizeieinheit organisiert wird, die für die Befriedung des Armenviertels zuständig ist.

 

 

 

 

 

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