Gute Beispiele aus

Brasilien: „Eine Revolution der Achtsamkeit und Zärtlichkeit“ – Befreiungstheologe Leonardo Boff im Gespräch

 

Leonardo Boff. Foto: Wikimedia Commons, Deputado Estadural Marcelo Freixo PSOL-RJ

Von Karina Böckmann 



Berlin, 9. September 2013 (IPS) – Die Menschheit muss ihren „totalen Krieg gegen die Erde“ aufgeben und wieder zum Hüter der Schöpfung werden, fordert der brasilianische Befreiungstheologie Leonardo Boff. „Wenn wir nicht verstehen, dass wir Teil eines Ganzen sind und entsprechend handeln, laufen wir Gefahr, uns selbst und alles Leben zugrunde zu richten.“



„So wie die Armen und die Völker schreien, schreien auch die Wälder, die Gewässer, die Tiere, die gesamte Erde. Denn sie alle leiden unter der Gewalt der industriellen Ausplünderung“, sagte Boff unlängst nach seinem Vortrag in der Missionszentrale der Franziskaner in Bonn im IPS-Gespräch. 



Der Theologe und emeritierte Professor hat die in den 60er Jahren aus der Zusammenarbeit mit den Basisgemeinden entstandene Befreiungstheologie konsequent zu einer Ökotheologie der Befreiung weiterentwickelt. Als Verfechter der Menschenrechte der Armen wurde er 2001 mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet.



Im Gespräch mit IPS zeigte sich der 85-Jährige zuversichtlich, „dass die Schmerzen, die wir ertragen, nicht die Zeichen der Agonie, sondern der Neugeburt sind“. Es gelte die aktuelle Situation nicht als Tragödie sondern als Krise zu begreifen, „die uns läutern und uns den Sprung in Richtung einer höheren, verheißungsvolleren Entwicklungsstufe der ganzen Menschheit ermöglichen kann“. Es folgen Auszüge aus dem Interview.



IPS: Sie fordern ein zivilisatorisches Paradigma. Was meinen Sie damit?



Leonardo Boff: Wir brauchen ein neues Denken, in dessen Zentrum nicht Gier und rücksichtsloses Profitstreben stehen, sondern die Menschheit und die lebendige Erde. 



Unsere derzeitigen Produktionsweisen sind auf die Herstellung materieller Güter und auf Konsum ausgerichtet. Dies verursacht zwei Formen der Ungerechtigkeit: eine soziale und eine ökologische. Eine ökologische, weil die meisten Ökosysteme der Erde sorglos ausgeplündert werden. Und eine soziale, weil diese Güter auf eine sehr ungerechte Weise verteilt werden und deshalb eine perverse Kluft zwischen Arm und Reich entstanden ist. 



Der Kreuzweg von Leid und Tod, der mehr Stationen hat als der Kreuzzug des Menschensohnes, ist hinlänglich dokumentiert. Fast die Hälfte der Menschheit lebt unterhalb der Armutsgrenze und Tag für Tag verhungern 56.000 Menschen. Erst kürzlich hat Jean Ziegler, der ehemalige UN-Sonderbeauftragte für das Recht auf Nahrung, in seinem neuesten Werk ‚Massenzerstörung – die Geopolitik des Hungers‘ den Hungertod in einer Welt, die genügend Nahrungsmittel für alle produzieren kann, als Mord dargestellt. 



Die Hoffnung auf einen unendlichen Fortschritt hat sich nicht erfüllt. Ein System, in dem ein Fünftel der Reichsten 82,4 Prozent aller Reichtümer konsumiert und ein Fünftel der Ärmsten sich mit 1,6 Prozent der Ressourcen zufriedengeben müssen, ist zutiefst ungerecht. Wir haben inzwischen verstanden, dass die Logik, die zur Ausbeutung der unteren Gesellschaften und Klassen, der Völker und der Erde führt, eine allgemeine Unterdrückung bedeutet, die sich im Schrei der Völker, der Armen und der Erde äußert.



Es ist tragisch, dass diese Logik im Widerspruch zur Logik des Lebens steht. Die industrialistische Logik ist linear. Sie führt zu Monokulturen, Ausbeutung, der Anhäufung von Reichtum. Die Logik des Lebens ist komplex. Sie beinhaltet Vielfalt, Rücksichtnahme, Zusammenhalt, Gemeinwohl, Schutz der Erde. Dieses letzte Modell zielt darauf ab, dem Leben zu dienen. Es strebt nach Gleichgewicht mit der Natur und nach der Integration aller Menschen und aller Wesen der Natur. 



Den Krieg gegen die Erde werden wir nicht gewinnen. Wir brauchen eine Revolution der Achtsamkeit und Zärtlichkeit, die uns Menschen zu Hütern der Mutter Natur macht. Es geht nicht so sehr darum, die Erde zu retten, sondern uns und unser Verhältnis zur Erde zu verändern und für unsere Zivilisation eine Zukunft zu garantieren. 



IPS: Was müssen wir ändern?



Boff: Zunächst einmal müssen wir die Erde als einen großen lebendigen Organismus wahrnehmen. Wir wissen, dass in knapp einer Handvoll Erde zehn Milliarden Bakterien und Viren zu finden sind, die 6.000 Spezies angehören. Die Erde lebt. Sie ist vielfältig, und der Mensch ist ein Teil von ihr.

Wir müssen den totalen Krieg gegen die Erde aufgeben. Wir können ihn nicht gewinnen, weil die Mutter Erde ein unglaubliches Durchhaltevermögen besitzt. Sie kann ohne weiteres ohne uns leben. Doch wir können nicht ohne sie überleben. 



Wir müssen der ‚Schwester und Mutter Erde‘ des Heiligen Franziskus, der ‚Pachamama‘ (‚große Mutter‘) der indigenen Völker Lateinamerikas wieder Ehrfurcht entgegenbringen. Wir brauchen ein neues zivilisatorisches Paradigma, in dessen Zentrum nicht der Profit, sondern die Menschheit und die lebendige Erde stehen. Ohne eine gewisse Spiritualität im Sinne einer anthropologischen Dimension – und nicht als Monopol von Regierungen und Kirchen – werden wir das nicht erreichen. Sie muss als Ausdrucksweise eines Bewusstseins gefördert werden, das sich als Teil eines umfassenderen Ganzen empfindet, und als machtvolle und liebevolle Energie wahrnimmt. Diese Energie ist ein anderer Name für Gott. 



IPS: Inwieweit haben die Kirchen an der Unterjochung der Natur einen Anteil gehabt?



Boff: Sie sind Teil des Problems. Sie haben auf den Schrei der Völker, der Armen und der Erde nicht reagiert, die Ausbeutung nicht angeprangert. Sie waren Komplizen. 

Alle Kirchen und Religionen müssen nun unter Einbeziehung der spirituellen Werte für Respekt, Achtsamkeit und Liebe zur Erde zusammenarbeiten. Sie müssen Teil einer neuen Partnerschaft werden, wie sie uns die indigenen Völker vorleben. Aus Achtsamkeit und Liebe mit der Erde entsteht eine andere Form der Zivilisation. Dann bewohnen wir die Erde in einer anderen Art und Weise. die gut für die Erde und gut für uns ist. 



IPS: Der neue Papst Franziskus hat große Hoffnungen auf eine Erneuerung der katholischen Kirche geweckt. Was ewarten Sie als Vertreter der Befreiungstheologie von dem Argentinier Jorge Bergoglio?



Boff: Eine Rehabilitierung der ungerecht bestraften Befreiungstheologen. 

Der für mich größte spanische Befreiungstheologe, José María Castillo, der Jesuit aus Granada, durfte nicht mehr reden, nicht mehr schreiben, keine Exerzitien mehr halten. Er war so verzweifelt, dass er zwei Selbstmordversuche unternahm. Psychoanalytiker konnten ihm nicht helfen. Dann hat ihn ein Mitbruder zur Zusammenarbeit mit den Basisgemeinden nach El Salvador gebracht. Nach einem Jahr war er völlig kuriert. 



Der Vatikan hatte sich lange Zeit immer nur die Version unserer Gegner angehört, des Militärs, der Konservativen. Wir wurden nicht gehört. Die Situation hat sich inzwischen geändert. 



Die Theologie der Befreiung war immer da, aber unsichtbar. Sie war immer anwesend, weil die Armen schreien. Jetzt sind wir froh, dass wir einen Papst haben, der aus dieser Tradition kommt. Er spricht selbst zwar nicht von der Befreiungstheologie, was er unserer Meinung nach auch nicht braucht. Aber er steht in der Tradition des Volkes und der Theologie der Kultur des Volkes. Er hat von Anfang an gesagt, dass die Kirche eine Kirche für die Armen sein müsse, dass die Menschen das Weinen verlernt hätten. Solche Äußerungen geben uns 
Hoffnung.



Was meiner Meinung nach heute am meisten fehlt, ist Sensibilität. Wir spüren die anderen nicht. Wir lassen sie verrecken, verhungern. Wir sehen nicht die Not der Menschen, der Kinder. Uns ist die Intelligenz des Herzens abhanden gekommen. Diese Sensibilität müssen wir wieder entwickeln. 

 

 

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