Gute Beispiele aus

Bosnien: Mehr 1325 bitte

Von Jabeen Bhatti und Nurhan Kocaoglu*

Kriegsschäden in Bosnien.John Isaac/ UN Photos

Alles begann mit einem Film. 2006 sah das Publikum in einem voll besetzten Kino in Sarajevo den Film ‚Grbavica‘ der Regisseurin Jasmila Žbanić, die Geschichte der im Krieg sexuell missbrauchten Bosnierin Esma, deren Tochter von einem Vergewaltiger gezeugt wurde (deutscher Titel: „Esmas Geheimnis“). Draußen vor dem Gebäude begannen Frauen damit, Unterschriften zu sammeln. 50.000 Menschen unterstützten schließlich die Aktion, die den Opfern der Massenvergewaltigungen mehr Anerkennung und Hilfe verschaffen sollte.

Die Petition zeigte bald Wirkung. Die bosnische Regierung sprach sich dafür aus, Frauen in Post-Konfliktgesellschaften größere Unterstützung zu leisten. Das von ihr eingebrachte Gesetz, das Überlebende von Vergewaltigungen offiziell als ‚Opfer‘ einstuft und ihnen den Anspruch auf Versorgungsleistungen gewährt, gilt als bahnbrechend.

Vergewaltigte Frauen erstmals als Opfer anerkannt

Menschenrechtsaktivistinnen sehen dies jedoch lediglich als Anfang. „Diese Leistung war revolutionär. Zum ersten Mal hat ein Parlament in einem Land, das einen Krieg hinter sich gebracht hat, den Opferstatus von Vergewaltigungsopfern gesetzlich festgeschrieben“, erklärte die Gynäkologin Monika Hauser, deren Engagement für kriegstraumatisierte Frauen 2008 mit dem Alternativen Nobelpreis gewürdigt wurde. „Von einer kompletten Heilung kann zwar keine Rede sein“, sagte sie. „Immerhin ist es aber bereits ein Fortschritt, wenn ein Opfer nicht mehr betteln gehen muss.“

15 Jahre nach Kriegsende leben die Bosnier in einer hoch militarisierten, traumatisierten und zunehmend traditionellen Gesellschaft. Vor Ausbruch des Konflikts traten Frauen im damaligen sozialistischen Jugoslawien auf politischer Ebene deutlich in Erscheinung. Nach dem Friedensschluss wurden sie jedoch abgedrängt und vom Wiederaufbauprozess ausgeschlossen.

An den Verhandlungen zu dem Dayton-Abkommen, das 1995 den Krieg in Bosnien und Herzegowina beendete, sei keine Frau beteiligt gewesen, sagte Ana Lukatela, die für den UN-Frauenentwicklungsfonds (UNIFEM) als Südosteuropa-Beraterin tätig ist. „Gleich von Anfang an gab es in Bosnien Probleme beim Aufbau eines nachhaltigen und gerechten Friedens. Nicht ein einziger Artikel im Dayton-Abkommen sieht irgendeine Form von Entschädigung für sexuelle Gewalt gegen Frauen während des Konflikts vor.“

Rückendeckung durch Resolution 1325

Dieses Versäumnis des Friedensabkommens will die vor zehn Jahren verabschiedete UN-Resolution 1325 ausgleichen. Die Vereinten Nationen haben damit erstmals auf sexuelle Gewalt in Kriegen reagiert.

„Die Resolution 1325 trat in Kraft, als die Gewalt gegen Frauen immer deutlicher sichtbar wurde“, sagte Jennifer Klot, leitende Beraterin für Frauenfragen des gemeinnützigen ‚Social Science Research Council‘ in Brooklyn, der an der Vorbereitung der Resolution mitwirkte. „Diejenigen, die in Konfliktgebieten für humanitäre und Menschenrechtsbewegungen tätig waren, erkannten, dass Frauen nicht genug (von den enormen Hilfen internationaler Organisationen) profitieren konnten.“

In Bosnien änderte sich die Lage 2006, als das Parlament ein Gesetz über zivile Kriegsopfer verabschiedete. Darin ist festgeschrieben, dass überlebende Vergewaltigungsopfer Anspruch auf 70 Prozent der Behindertenrente – umgerechnet rund 180 Euro monatlich – haben.

Nach Ansicht von Beobachtern hat dieses Gesetz dazu beigetragen, dass die betroffenen Frauen überhaupt überleben konnten. Vorher hatte der Staat Kriegsopfern nur einen Kinderbetreuungszuschuss von rund zehn Euro im Monat gezahlt. Die Gewährung dieser Hilfsleistungen kommt jedoch nach wie vor nur schleppend voran. Die Behörden haben Probleme damit, die Anspruchsberechtigten zu ermitteln, das nötige Geld aufzubringen und juristische Verfahren in Gang zu setzen. Außerdem stehen zu wenige Berater zur Verfügung.

Teilung erschwert Wiedergutmachung

Bisher konnten nur etwa 3.000 bis 4.000 von schätzungsweise bis zu 60.000 Vergewaltigungsopfern die für die Rentenbewilligung notwendigen Dokumente vorlegen. Erschwerend kommt hinzu, dass das Land in zwei autonome Teilstaaten – die Föderation Bosnien und Herzegowina und die Republika Srpska – unterteilt ist. Nur die Einwohnerinnen der Föderation sind berechtigt, die staatliche Unterstützung zu beantragen. Da eine Vergewaltigung in der bosnischen Gesellschaft ein Stigma ist, wollten sich viele Frauen zudem nicht als Opfer zu erkennen geben.

Der Weg zu Gerechtigkeit ist auch deshalb schwierig, weil sexuelle Gewalt in Bosnien gezielt als Kriegsstrategie eingesetzt wurde. Experten fordern, dass die Gerichte diese Umstände stärker berücksichtigen. „Eine Rente ist nicht das Gleiche wie ein Gerichtsurteil, das eine größere psychologische Wirkung hat“, sagte Lukatela. Als der ehemalige Präsident der Republika Srpska, Radovan Karadzic, 2008 wegen Kriegsverbrechen angeklagt wurde, verzichtete die Justiz auf den Vergewaltigungsvorwurf, um das Verfahren rascher vorantreiben zu können.

Hilfsorganisationen weisen zudem darauf hin, dass die Frauen, die den Mut zu einer Aussage gegen ihre Peiniger vor dem Jugoslawien-Tribunal in Den Haag haben, erneut mit ihren schrecklichen Erlebnissen konfrontiert werden. Die Zeuginnen werden vor ihrem Auftritt vor Gericht völlig von der Außenwelt isoliert und dürfen selbst zu ihren Familien keinen Kontakt haben. „Wenn die Frauen dann in ihre Heimat zurückkehren, müssen sie auch besser als bisher gegen Racheakte geschützt werden“, forderte Memnuna Zvizdic, die Direktorin der Frauenrechtsgruppe ‚Zene Zenama‘.

Vergewaltigte Frauen im Abseits

Wie Esma lebten viele Vergewaltigungsopfer immer noch am Rand der Gesellschaft, sagte Fadila Memisevic, die die Sektion Bosnien-Herzegowina der Gesellschaft für bedrohte Völker leitet. Diese Frauen seien isoliert und stigmatisiert. Ihnen fehle ein starkes Netzwerk von Unterstützern, vor allem, wenn sie ihre Heimatstädte verließen.

Marie, die in Wirklichkeit anders heißt, erhielt immerhin Hilfe, als sie in Den Haag gegen ihren Vergewaltiger aussagte und dann wieder nach Hause zurückkehrte. Die ehemalige Richterin wurde im Krieg gemeinsam mit etwa 6.000 anderen Gefangenen im Lager Omarska nahe ihrer Heimatstadt Prijedor festgehalten und mehrfach sexuell missbraucht. Nach ihrer Freilassung floh sie in die kroatische Stadt Zagreb und kehrte nach dem Friedensschluss nach Prijedor zurück.

Einer von Maries Peinigern, Miroslav Kvocka, kam nach sieben Jahren aus der Haft frei. „Heute sieht sie ihn mit seiner Frau in der Stadt spazieren gehen“, berichtete Memisevic. „Die meisten Opfer haben überhaupt nicht die Kraft, in derselben Stadt wie ihre Vergewaltiger zu leben.“

Mehr Therapeuten für die Opfer notwendig

Es gebe zu wenige Therapeuten, die sich um die geschundenen Frauen kümmern könnten, kritisierte die Frauenrechtlerin. „Wie Esmas Tochter wissen viele Kinder nicht, wer ihre Väter sind, und können die Traumata ihrer Mütter daher nicht verstehen. Diese Kinder müssen die Wahrheit erfahren und brauchen Hilfe, um damit umgehen zu können.“

Nach Ansicht von Monika Hauser wird das generationsübergreifende Trauma zunehmend zum Problem. Sie forderte zusätzliche Ausbildungsprogramme für Therapeutinnen. „Dieser Kreislauf muss unterbrochen werden, bevor die nächste Generation in ihn hineingerät.“

Die von Hauser und ihren bosnischen Partnern 1992 gegründete Hilfsorganisation ‚Medica Zenica‘ versucht Abhilfe zu schaffen. Das Zentrum bietet medizinische und psychologische Hilfe sowie sichere Unterkünfte für Opfer sexueller Gewalt. Bislang wurden mehr als 10.000 Frauen dort behandelt. Viele von ihnen bräuchten aber weiterhin dringend Hilfe, erklärte Hauser. „Diese Frauen werden schnell krank, leiden unter chronischen Schmerzen und Panikattacken und sind selbstmordgefährdet.“

Die mangelnde Finanzierung bleibt eine der höchsten Hürden für die Umsetzung der UN-Resolution 1325 und die Unterstützung der vergewaltigten Frauen. Viele von ihnen sind noch im erwerbsfähigen Alter, können wegen ihrer psychischen Traumata aber nicht mehr arbeiten. Die Jobsuche ist bei einer Arbeitslosenrate von mehr als 40 Prozent ohnehin sehr schwierig. Laut Memisevic brauchen die Frauen Fortbildungen und Hilfe bei der Stellensuche. Die meisten von ihnen kämen mit ihrem Geld bisher kaum über die Runden.

Nationaler Aktionsplan zur Unsetzung von Resolution 1325

Die bosnische Regierung hat inzwischen eingesehen, dass das vor fünf Jahren eingeführte Rentengesetz nicht ausreicht. Im Juli verabschiedete das Parlament einen nationalen Aktionsplan, der die Umsetzung der Resolution 1325 unterstützen soll. Lukatela kritisierte jedoch, dass der Gesetzgeber nicht genug Druck ausübe. Institutionen, die sich nicht an die Vorgaben hielten, hätten keine hohen Strafen zu erwarten.

Die Hoffung der Menschenrechtsaktivistinnen auf ausreichende Hilfsgelder ist indes gedämpft. In einem Land, das noch immer mit den Folgen des Krieges zu kämpfen habe, seien die Budgets weitgehend ausgereizt, hieß es. Und die finanzielle Unterstützung der internationalen Staatengemeinschaft schwinde, weil der Balkan für die Entwicklungszusammenarbeit keine hohe Priorität mehr habe.

„Die Resolution 1325 war ein großartiges Sprungbrett, um Hilfe für Opfer zu mobilisieren und Frauen stärker in die Lösung von Konflikten einzubinden“, sagte Pam DeLargy vom UN-Bevölkerungsfonds UNFPA. „Auf der Graswurzelebene hat die Umsetzung der Resolution hervorragend funktioniert. Die große Herausforderung liegt jetzt aber darin, die Nachhaltigkeit dieser Maßnahmen auf nationaler und internationaler Ebene sicherzustellen.“ (Okt. 2010)

* Jabeen Bhatti und Nurhan Kocaoglu gehören der Gruppe ‚Associated Reporters Abroad‘ (ARA) an, die über Europa und Nahost berichtet.

Deutsche Bearbeitung des Artikels: Corina Kolbe/IPS Inter Press Service Deutschland [www.ipsnews.de].

Hinterlasse eine Antwort