Gute Beispiele aus

Bolivien: Indigene Frauen erreichen langsam aber sicher politischen Einfluss

Bolivianische Frau. Foto: John Isaac/ UN Photos

Von Jenny Cartagena Torrico 



Cochabamba, Bolivien, 25. Juli 2012 (IPS) – Sie leben kilometerweit voneinander getrennt und sind mit unterschiedlichen Realitäten konfrontiert. Doch immer mehr indigene Frauen in Bolivien sind fest entschlossen, in politische Führungspositionen vorzudringen und sich einer doppelten Herausforderung zu stellen: Indigene und Frau zu sein.

Ihr politischer Werdegang weist durchaus Parallelen auf. In der Regel übernehmen sie zunächst in Sozialverbänden die Führung und bewerben sich später – oft gegen den Widerstand ihrer Familien – für ein politisches Amt in ihren Kommunen. Der Weg zu mehr Mitsprache ist mühsam, zumal die Chancen ihrer männlichen Herausforderer, die Wahlen zu gewinnen und sich einen Platz im Rathaus zu sichern, meist besser sind.

„Die größten Hindernisse sind familiärer und wirtschaftlicher Art“, weiß Lucinda Villca zu berichten, eine von vier Ratsfrauen, die IPS auf einem nationalen Treffen indigener Führerinnen Rede und Antwort standen.


Aktiv bis zum Umfallen


Villca kommt aus Santiago de Andamarca, einem Bezirk im Departement Oruro im Osten des Andenstaates. „Wir stehen früh auf, um unseren Männern in der Landwirtschaft zu helfen und das Vieh zu versorgen. Wenn wir dann abends zu Hause sind, kochen wir und nutzen die freie Zeit, um Kleiderstoffe zu weben, mit denen wir uns ein Zubrot verdienen „, berichtet die ethnische Aymara, Mutter von neun Kindern. „Diese Verpflichtungen lassen uns wenig Raum für andere Dinge.“ Dennoch hat sie sich entschlossen, politisch aktiv zu werden. „Als indigene Autorität war ich für meine Gemeinde aktiv. Jetzt arbeite ich an unserer Zukunft“, erläutert sie.

Die Schwierigkeiten auf dem Weg nach oben kennt auch Marina Cuñaendi nur zu genau. „Ich war Hausfrau, hatte keinen Beruf und arbeitete wie viele Frauen auch auf dem Feld“, sagt die Angehörige vom Volk der Guaraní. Inzwischen ist sie 55 Jahre alt und sitzt im Gemeinderat der 6.000-Seelen-Ortschaft Uribachá. Die Kommune ist eine der ärmsten Boliviens. 85,5 Prozent der Bevölkerung leben in absoluter Armut, wie die letzte Volksbefragung ergab. Dabei befindet sich das Dorf in Santa Cruz, dem reichsten Departement Boliviens.

Dass sie einmal einen Sitz im Gemeinderat einnehmen würde, hätte sie nie gedacht. Sie hatte bis 2010 mit dem Mais- und Reisanbau alle Hände voll zu tun. Die ‚freie Zeit‘ nutze sie zum Weben, für die Erledigung der Hausarbeit und der Versorgung von Mann und sieben Kindern. „In Urubichá haben die Frauen eigentlich keine Zeit, um sich zu organisieren“, sagt sie. „In der Regel sind sie aus politischen Prozessen ausgeschlossen.“ Sie hatte das Glück, dass ihr der Rückhalt ihrer Familie sicher war. Das sei nicht selbstverständlich.

Hunderte Kilometer von Urubichá entfernt liegt San Julián, ein weiterer Verwaltungsbezirk von Santa Cruz. Hier rennt die Guaraní Yolanda Cuellar gegen eine dritte Hürde an. Sie ist nicht nur als Frau und Indigene im Nachteil, sondern auch aufgrund ihres Alters. Sie ist „sehr jung“ für eine Führungsposition in ihrem Dorf. Das meinen zumindest die Nachbarn.

Einen Monat, nachdem sie im April 2010 zum Mitglied des Gemeinderats gewählt worden war, feierte sie ihren 21. Geburtstag. Aufgestellt hatte sie die ‚Bewegung ohne Angst‘, eine Oppositionspartei der regierenden Bewegung zum Sozialismus, die den Bezirk und das Land regiert. „Sie begegnen mir in diesem machistisch geprägten Bezirk mit Skepsis“, sagt sie. „Nicht nur weil ich jung, sondern obendrein eine Frau bin.“

Allein auf weiter Flur



Auch Cuellar konnte sich auf den Rückhalt ihres Mannes verlassen. Allerdings machen ihr Erfahrungsdefizite und die ständige Diskriminierung durch ihre männlichen Kollegen zu schaffen. „Du wirst mit Deinen Ideen nicht ernst genommen. Du fühlst dich allein. Die meisten haben kein Interesse daran, dass es Frauen und jungen Menschen besser geht“, sagt sie.

San Julián lebt ebenfalls von der Landwirtschaft. Der Bau einer großen Straße, die den Osten mit dem Westen des Landes verbindet, hat dem Finanzgewerbe und Dienstleistungssektor in der Gemeinde Auftrieb gegeben. Dennoch leben hier 57,9 Prozent der mehr als 70.000 Einwohner in absoluter Armut.

Gesetze und die Verfassung von 2009 schreiben vor, dass alle gewählten Ämter zur Hälfte den Frauen zur Verfügung gestellt werden müssen. Derzeit sind 43 Prozent aller Bürgermeisterämter und Räte in den 327 bolivianischen Gemeindebezirken in Frauenhand. In 96 Prozent dieser Fälle bekleiden die Frauen zum ersten Mal in ihrem Leben ein öffentliches Amt.

So auch im Fall von Lidia Alejandro. Die Aymara, die dem Gemeinderat von Llallagua angehört, konnte mit Hilfe von Workshops und durch „learning by doing“, wie sie sagt, den Vorsprung zu ihren männlichen Kollege aufholen.

Alejandro bedauert, dass es ihr bisher nicht gelungen ist, die Frauen in ihrer Kleinstadt im Departement Potosí im Andenhochland von Bolivien aus der Armut zu befreien. Es fehle an Fachkräften, die in der Lage seien, entsprechende Projekte auf den Weg bringen. Nach bolivianischem Recht muss ein Teil des jährlichen Haushalts für die Entwicklung von Frauen und anderer Sozialbereiche verwendet werden. Doch die Gelder werden erst gar nicht abgerufen oder für andere Zwecke ausgegeben.

„Es sind oft die Frauen, die uns vorwerfen, zu wenig für sie zu tun“, sagt Cuellar. „Die Herausforderung besteht darin, die bestehenden Gesetze umzusetzen. Wir bewegen uns leider immer noch in einem Kontext, der uns Frauen zwingt, politische Mitbestimmung im Alleingang zu erkämpfen.“

 

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