Gute Beispiele aus

Bolivien: Gesunde Kinder, zufriedene Bauern – Ein Schulspeisungsprogramm mit hohem Mehrwert

Bolivien-Schulspeisung

T-Shirts für die künftigen innerschulischen Ernährungsexpertinnen – Bild: Franz Chávez/IPS



Von Franz Chávez

La Paz, 10. März 2015 (IPS) – Ein Schulspeisungsprogramm in Bolivien, das etwa 140.000 Kindern und Jugendlichen in der Hauptstadt La Paz täglich zu Frühstück und Mittagessen verhilft, hat sich als derartig erfolgreich herausgestellt, dass es sogar den Anstoß zu einem neuen Gesetz gegeben hat. Nicht nur, dass die Initiative die gesunde Ernährung an den Schulen und die Verwendung lokaler Produkte fördert. Sie stärkt zudem den Kampf gegen Unterernährung und für Ernährungssouveränität.

„Mittwochs hätten wir gern Obst!“ rufen Schüler in einem Klassenraum in der Schule ‚Unidad Educativa‘ in La Paz, als sie nach Verbesserungen des Speiseplans gefragt werden. Noch vor wenigen Jahren wäre ein solcher Wunsch undenkbar gewesen.

Die Schüler erhalten ihre Mahlzeiten im Rahmen des nationalen Programms ACE, das sich an dem Vorbild eines Schulspeisungsprojekts orientiert, das im Jahr 2000 in La Paz eingeführt wurde. Das innovative Ernährungsprogramm basiert auf natürlichen, lokal produzierten Nahrungsmitteln, die an den staatlichen Schulen in der größten der 327 Gemeinden des Andenstaates serviert werden.

Typische Lebensmittel aus der Region

Das Welternährungsprogramm WFP, die UN-Agrarorganisation FAO und andere internationale Institutionen haben die Initiative bereits in mehreren Berichten gewürdigt. „Wir sind führend bei der Bereitstellung von Schulmahlzeiten mit typischen Lebensmitteln aus den Anden wie Amaranth und Quinoa“, sagt der Bildungsverantwortliche in der Stadtregierung von La Paz, Jorge Gómez. Von seinem Büro aus koordiniert er den Speiseplan für die Schülerinnen und Schüler im Alter zwischen 5 und 15 Jahren. Die proteinreichen Körner hatten schon die Ernährung der präkolumbischen Völker der südamerikanischen Andenregion gesichert.

Die positiven Auswirkungen des Schulprogramms liegen auf der Hand: In den ersten acht Jahren ging die Blutarmut bei den Kindern um 30 Prozent zurück, wie unabhängige Studien an der Universität Mayor des San Andrés und der international tätigen Hilfsorganisation ‚Save The Children‘ ergeben haben. 

ACE wird seit 2005 landesweit in den Grund- und weiterführenden Schulen Boliviens umgesetzt und von eigens dafür eingerichteten Abteilungen der Stadtverwaltungen koordiniert. 2013 erreichte das Programm laut dem Bildungsministerium insgesamt zwei Millionen Schülerinnen und Schüler.

Unterstützung für kleinbäuerliche Familien

Das Programm verbessert nicht nur die Essgewohnheiten von Mädchen und Jungen, sondern fördert auch die gemeinschaftliche betriebene kleinbäuerliche Landwirtschaft. Auf diesen Ergebnissen basiert auch ein Gesetz zu Schulspeisungen, das Ende vergangenen Jahres in Kraft trat. Demnach haben genetisch veränderte und abgepackte Nahrungsmittel in den Schulkantinen nichts zu suchen und müssen durch landestypische Produkte zumeist lokalen Ursprungs ersetzt werden.

Gómez erklärt, dass er immer wieder Vätern und Müttern rät, wie sie die tägliche Ernährung der Familie nahrhafter und abwechslungsreicher gestalten können. Etwa 293.000 der insgesamt mehr als 764.000 Einwohner von La Paz gelten nach offiziellen Angaben von 2013 als arm und müssen mit umgerechnet weniger als 90 US-Dollar in der Woche auskommen.

Bolivien ist laut FAO nach Brasilien und Paraguay das dritte lateinamerikanische Land, das ein Gesetz zu Schulspeisungen erlassen hat. Costa Rica, die Dominikanische Republik, El Salvador, Guatemala und Nicaragua plan nun ähnliche Schritte.

Wie aus einer in acht Staaten der Region durchgeführten FAO-Studie hervorgeht, haben Schulspeisungsprogramme dazu beigetragen, dass die Lernfähigkeit der Schüler steigt und weniger Kinder die Schulausbildung abbrechen. Der Erfolg dieser Programme geht unter anderem darauf zurück, dass sie Behörden, Lehrer, Familien, die Zivilgesellschaft und internationale Organisationen zusammenbringen.

Am liebsten würden sie die mit Schokolade überzogenen Müsliriegel essen, erzählen Schüler in La Paz, während sie einen Schluck naturbelassenen Fruchtsaft aus farbenfrohen Kartons nehmen. Wenn die Riegel verteilt werden, ist die Nachfrage stets größer als das Angebot. Die Schokolade stammt aus dem im Nordwesten Boliviens gelegenen Departement La Paz, wo ein semitropisches Klima herrscht.

Gesundes Essen mit Vitamingaben



Die Schulmahlzeiten liefern den Kindern ein Viertel der täglich benötigten Nährstoffe. Auf dem Speiseplan stehen unter anderem Milch, Joghurt, Fruchtsaft und Schokolade, die mit Gaben von Eisen, Folsäure sowie den Vitaminen A, B und C ergänzt werden. Jeden Tag erhalten die Schulen der Hauptstadt etwa 26 Tonnen an Lebensmitteln und Getränken, die von Produktionsbetrieben aus rund 4.000 Meter hohen Gebirgszonen oder aus tropischen Gebieten des Departements La Paz geliefert werden.

Sportlehrer Hugo Quito zufolge verfügen seine Schützlinge wegen des gesunden Essens über deutlich mehr Energie als früher. Brot wird mit Mais gebacken, außerdem gibt es Quinoa-Kekse, die hier ‚K’spiña‘ heißen. Mit diesem Dauergebäck stärkte sich die Andenbevölkerung früher auf langen Märschen oder in Mangelzeiten.

Die Speisepläne für die Schüler werden von Ernährungswissenschaftlern aus La Paz zusammengestellt, die sich darauf konzentrieren, die Anämie unter den Schülern zu bekämpfen. Ihre Aufgabe ist allerdings nicht immer einfach. Mehrere Eltern beschwerten sich einmal über eine suspekte grüne Füllung von Teigtaschen. Sie hatten den darin enthaltenen Kohl irrtümlich für Schimmel gehalten. Doch zu einer solchen Verwechselung wird es nicht mehr kommen, wenn das Schulspeisungsprogramm in die nächste Phase geht. Dann nämlich sollen ausgewählte Lehrkräfte, Eltern und Schülerinnen zu Ernährungsexperten ausgebildet werden, die ihr Wissen in Schulen und Gemeinden weitergeben sollen.

 

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