Gute Beispiele aus

Bangladesch: Frauen treiben Entwicklung voran – Gemeinderäte oft weiblich besetzt

Ein von Frauen geleiteter Dorfrat berät über Entwicklungsmaßnahmen – Bild: Naimul Haq/IPS

Von Naimul Haq



Barguna, Bangladesch, 11. Februar 2013 (IPS) – Monashatoli, ein kleines Küstendorf mit etwa 5.000 Einwohnern im Südwesten von Bangladesch, ist ein lebendiges Beispiel für den Erfolg einer Gemeindeentwicklung von unten, an der maßgeblich Frauen beteiligt sind. In dem Ort im Bezirk Barguna etwa 470 Kilometer südlich der Hauptstadt Dhaka beaufsichtigt ein mehrheitlich weiblich besetztes 15-köpfiges Dorfkomitee alle Entwicklungsprojekte vom Anfang bis zum Ende.

„Unser Hauptziel ist es, das Leben der Armen zu verbessern, die für gewöhnlich keine Kredite oder Jobs bekommen. Ihre Stimme zählt für die Entwicklung ihrer Gesellschaft so gut wie gar nicht“, sagt die Leiterin des Dorfrats oder ‚gram samiti‘, Shiuli Begum.

Eine Frau mit Stolz und Sachkenntnis über ein Entwicklungsprojekt sprechen zu hören, ist in Bangladesch nicht alltäglich. Das südasiatische Land mit rund 150 Millionen Einwohnern ist zutiefst patriarchalisch geprägt. Die meisten Bangladeschi leben in ländlichen Regionen, in denen eine Vielzahl von Frauen von den Debatten über Armutsbekämpfung ausgeschlossen bleibt.

Die Verbreitung eines Entwicklungsmodells, das von den Dorfgemeinschaften mit Hilfe eigener Gremien selbst vorangetrieben wird, hat in den letzten zehn Jahren jedoch dazu geführt, dass traditionelle Ideen allmählich an Einfluss verlieren. Hunderten Menschen gelingt es dadurch, der Armut zu entkommen.

Mit finanzieller Unterstützung der Weltbank hatte die Regierung bereits 2003 das erste Gemeinde-Entwicklungsprojekt (CDD) eingeführt. Seitdem haben Hunderte bangladeschischer Frauengruppen unter Beweis gestellt, dass die ‚Ärmsten der Armen‘ die notwendigen Fähigkeiten und Kenntnisse besitzen, um mit begrenzten Ressourcen nachhaltig umzugehen, den notwendigsten Bedürfnissen Priorität einzuräumen und auf dem Papier bestehende Verpflichtungen in konkrete Handlungen zu übersetzen.

„Im Rahmen dieses Projektes hat jeder eine Stimme und wird ernstgenommen“, erklärt A. K. M. Mahbubur Rahman, der regionale Programmdirektor der ‚Social Development Foundation‘ (SDF), einer unabhängigen Behörde, die dem Finanzministerium in Dhaka untersteht.

Dorfbewohnerinnen aktiv eingebunden



SDF überwacht zurzeit die Umsetzung eines Armutsbekämpfungsprogramms der Weltbank im Umfang von 120 Millionen US-Dollar. Das Projekt ‚Nuton Jibon‘ (Neues Leben) wurde 2003 im Rahmen von Pilotvorhaben in den Bezirken Gaibandha im Norden und Jamalur im nördlichen Zentrum gestartet. Inzwischen wird Nuton Jibon in insgesamt 16 Bezirken im ganzen Land umgesetzt. Mehr als 300.000 extrem arme Menschen sind dadurch in der Lage, sich neue Lebensperspektiven zu schaffen.

Um die Initiative der Bank mit Graswurzel-Projekten zu verbinden, arbeitet SDF eng mit den ‚gram samiti‘ in den einzelnen Dörfern zusammen und bildet deren Mitglieder in Hilfe zur Selbsthilfe und institutioneller Entwicklung aus, um ihre Führungsstärke auf lokaler Ebene auszubauen. „Das Erstaunlichste ist, dass das CDD viele Menschen beteiligt und sich niemand von außen einmischt“, erklärt Rahman.

In Monashatoli bereitet beispielsweise der von Frauen geführte Dorfrat eine ’soziale Landkarte‘ vor, auf der die Bevölkerungszahl, die Zahl der Häuser und Wasserstellen sowie die Beschaffenheit der Straßen und Infrastruktur wie Schulen aufgeführt sind. Die Gruppe arbeitet an Vorschlägen über die Höhe der finanziellen Ressourcen, die dem so genannten Institutions-Entwicklungsfonds (IDF) hinzugefügt werden sollten. Dieser Fonds bildet die finanzielle Grundlage für Gemeindeentwicklungsprojekte, die in enger Zusammenarbeit mit der lokalen Regierung und der Privatwirtschaft durchgeführt werden.

Geld wird etwa für den Bau von Straßen und Gebäuden oder für neue Brunnen, Bushaltestellen, Märkte und Flusshäfen bereitgestellt. Bis November 2012 hatte Monashatoli im Laufe von etwas mehr als einem Jahr rund 8.600 Dollar erhalten. Davon wurden unter anderem eine 210 Meter lange Straße sowie mehrere Brunnen angelegt, von denen mehr als 300 Familien profitieren.

Das Modell verändert bereits die sozialen Strukturen in Dörfern in allen Teilen von Bangladesch. Die 30-jährige Usha Rani Datta sieht einen starken Rückhalt in der Bevölkerung für die Projekte. „Alle nehmen an den Treffen teil und wollen etwas für die Gesellschaft tun. Das ist eine große Veränderung“, meinte sie bei einem der monatlichen Gemeindetreffen im Dorf Dhewkhandi.

Früher Hausfrau, heute Planerin



„Frauen, die früher ein eingeschränktes Leben als Hausfrau führten, sind nun mit administrativen Aufgaben für die Gemeindeentwicklung betraut“, berichtet Mukta Nag, die Vorsitzende des Rats in Dhewkhandi. Die Ausgaben würden ständig überprüft, damit Transparenz gewährleistet sei, erklärt Rounak Ferdous, Bezirksprogrammmanagerin von SDF.

Als Nuton Jibon eingeführt wurde, bestand eines der Hauptziele darin, durch die Vermittlung neuer Fertigkeiten mehr langfristige Beschäftigungsmöglichkeiten zu schaffen. Damit sollten die Menschen mehr Einkommen erwirtschaften und besseren Zugang zu Märkten und Finanzinstitutionen erhalten.

Seitdem viele Frauen die bangladeschischen Entwicklungsprojekte leiten, werden Kredite und Fortbildungsprogramme in den ländlichen Gebieten immer stärker nachgefragt. Zahlreiche Menschen in den ärmeren Gemeinden nutzen Start-up-Darlehen, um sich als Kleinunternehmer selbstständig zu machen.

Mosammet Rashida beispielsweise lieh sich im vergangenen Jahr 125 Dollar, um eine Milchkuh zu kaufen. Nachdem die 27-Jährige mit der Milch monatlich etwa 24 Dollar verdiente, nahm sie einen weiteren Kredit von fast 200 Dollar auf, um ihr Geschäft auszubauen. Dies ist keine geringe Summe in einem Land, in dem das durchschnittliche Monatseinkommen in den Dörfern zwischen 60 und 80 Dollar beträgt.

Die 24-jährige Pori Banu lieh sich 235 Dollar, um einen Straßenteestand zu eröffnen. Inzwischen betreibt ihr Mann Mojibor, ein ehemaliger Rikscha-Fahrer, das Geschäft und verdient damit etwa 60 Dollar im Monat. Der Betrag ist doppelt so hoch wie das frühere Einkommen der Familie. „Ich kann meine Söhne zur Schule schicken und ihnen Bücher kaufen“, sagt Pori Banu stolz.

„Exzellente Ressourcenmanager“



Ousmane Seck, der als Entwicklungsexperte für die Weltbank in Bangladesch tätig ist, lobt Frauen als „exzellente Ressourcenmanager“. Untersuchungen mehrerer Nichtregierungsorganisationen haben gezeigt, dass keine drei Prozent der Frauen ihren Kreditverpflichtungen nicht nachkommen. Dies qualifiziert sie umso mehr für Führungspositionen in den Dorfgremien.

Nach dem Stand von Anfang dieses Jahres sind 950 Dorfräte an lokalen Projekten beteiligt, hinzu kommen etwa 18.000 kleine Spar- und Kreditorganisationen sowie 1.600 Jugendgruppen, die alle ihre eigenen Prioritäten abstecken und Projektgelder verwalten. Im Rahmen von Nuton Jibon sind in der Region Barisal im Südwesten von Bangladesch bisher mehr als zwölf Millionen Dollar zugunsten von insgesamt fünf Millionen armen Menschen ausgezahlt worden. Und die Folgen sind sichtbar: Dem Nationalen Statistikamt zufolge ging die extreme Armut im Land von 25 Prozent im Jahr 2005 auf 17,6 Prozent in 2010 zurück.

 

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