Gute Beispiele aus

Äthiopien: Gelebte Gleichberechtigung in Musterdorf

Von Omer Redi

Die 19jährige Fantaya Adem ist froh, in diesem Musterdorf zu leben. Foto: Omer Redi/IPS

Awra-Amba, Äthiopien (IPS) – Fantaye Adem wurde mit 13 verheiratet. Inzwischen hat die 18-Jährige drei Kinder zur Welt gebracht. Wäre sie in Awra-Amba aufgewachsen, könnte sie sich mit der Mutterschaft noch mindestens ein Jahr Zeit lassen. Denn hier, in dem kleinen Dorf etwa 700 Kilometer nördlich der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba, ticken die Uhren anders als im Rest des Landes.

Seit einem halben Jahr lebt Fantaye Adem mit ihrem 35-jährigen Mann Dewaye Masresha und ihren Kindern in Awra-Amba. In dem Weiler sind Kinderehen verpönt. Heiraten sind für Frauen erst ab 19, für Männer ab 20 erlaubt. Bis heute wird die Regel in der Ortschaft streng befolgt, während es anderswo im Land üblich ist, auch schon neunjährige Mädchen mit älteren Männern zu vermählen. „Dagegen ist Awra-Amba für uns Frauen der Himmel“, meint Fantaye.

Frauengesundheit und –bildung profitieren

„Die Menschen in Awra-Amba haben ihre eigenen Werte geschaffen, an die sich freiwillig halten“, bestätigt Zelalem Getachew vom Frauenbüro des Regionalstaates Amhara. Dies habe zu einem Rückgang von Geburtsfisteln und anderen geburtsbedingten Gesundheitsproblemen geführt. „Wir können zwar keine wissenschaftliche Vergleichszahlen vorlegen“, meint sie. „Doch nirgendwo sonst ist die Müttersterblichkeit so niedrig wie in Awra-Amba.“

Ein weiterer Vorteil sind Fortschritte im Bereich der Mädchenbildung, Frühe Schwangerschaften führten unweigerlich dazu, dass schwangere Mädchen die Schule vorzeitig abbrächen, berichtet Zenaye Tadesse von der Äthiopischen Juristinnen-Vereinigung, der größten äthiopischen Frauenorganisation. „Später zu heiraten, beugt auch psychologischen Problemen vor, wie sie Mädchen bekommen können, die isoliert im Haushalt arbeiten müssen, anstatt mit Gleichaltrigen zu spielen.“

In den Augen der Dorfbewohner sind alle Menschen gleich, ihre gelebten Prinzipien „gottgewollt und richtig“. „Meine Mutter ist ein Frau, mein Vater ein Mann, aber beide sind menschliche Wesen“, sagt Zumra Nuru, der 63-jährige Gründer der Kolonie im IPS-Gespräch. „Als Kind habe ich meine Mutter immer für besonders stark gehalten, weil sie anders als mein Vater nach der Feldarbeit weitergearbeitet hat. “

Zumra interessiert sich seit jeher für Werte, die anderen fremd sind und von der Norm abweichen. Wegen seiner Pläne, Awra-Amba zu gründen, hielten ihn viele für verrückt, andere wiederum konnte er für ein gleichberechtigtes Zusammenleben von Mann und Fau überzeugen. Seit den 1990er Jahren gibt es die Ortschaft, in der beide Geschlechter gleichberechtigt am Gemeindeleben teilnehmen, den Haushalt führen und bei der Besetzung von Stellen, allein nach ihren Fähigkeiten ausgewählt werden. Die Baumwollindustrie ist die Haupteinnahmequelle der Ortschaft.

Birtukan Kibret ist in Awra-Amba geboren und aufgewachsen. Sie ist die Fremdenführerin des Ortes. Wenn sie am Ende eines langen Tages müde nach Hause kommt, kann sie sich gleich an den gedeckten Tisch setzen, denn die fünfköpfige Familie wird von ihrem Mann bekocht. „Gleichberechtigung bedeutet, die familiären Lasten gemeinsam zu tragen“, sagt sie. „Auch wenn mein Mann ein guter Koch ist, heißt das nicht, dass ich ihm diese Arbeit nicht auch mal abnehme. Gleichberechtigung ist weniger eine Frage der Aufgabenverteilung als der Haltung.“

Innerfamiliäre Gewalt st in Awra-Amba ebenso streng verboten wie Kinderheiraten. Dass diese Regel auch strikt eingehalten wird, dafür sorgt einer von 13 Gemeindeausschüssen, die für das Wohl des Dorfes und der Familien zuständig sind. Kommt es dennoch zu Gewalt, werden die Täter bestraft und Paare auch geschieden. Wiederholungstäter müssen die Ortschaft verlassen.

Awra-Amba macht inzwischen Schule. So haben einflussreiche Bürger aus Awi, einer ländlichen Gemeinde im Nordwesten Äthiopiens, von dem Dorf inspirieren lassen. Getachew vom Amhara-Frauenbüro zufolge sind die ersten Erfolge bereits sichtbar.

2 Antworten auf
Äthiopien: Gelebte Gleichberechtigung in Musterdorf

  1. Judy Grosch 11.12.2010 - 17:48

    Die Abteilung „Gute Beispiele“ finde ich wunderbar und sehr hilfreich, um endlich mal GUTE BEISPIELE verbreiten zu können! Danke für die Arbeit.
    Judy Grosch, US Bürgerin in Bayern wohnend und Verbindungsperson für „UN Circles“, ein workshop für UN CSW 2011.

  2. Rüssmann Bernhard 03.03.2011 - 07:41

    Gut das Sie erkannt haben das die Doppelte Portion Mitgefühl = ( Das geben )
    wichter zum Überleben ist, als Egoismus und Macht = ( Das Nehmen ). Als Gruppe in dieser Haltunug zu überleben ist der Beste Garant für den Frieden ( Die gebende Kraft ). Krieg ist die ( Nehmende Kraft ), im Krieg wird Leben genommen und zerstört.
    Außerdem ist der Menschliche Körper ( Natur ) ebenso aufgebaut 2/3 Wasser gegenüber 1/3 festere Materie.

    Gruß Bernhard Rüssmann

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