Gute Beispiele aus

Aserbaidschan: Die Unerpressbare – Interview mit aserbaidschanischer Enthüllungsjournalistin Ismailowa

Chadidscha Ismailowa. Foto: IWMF

Von Julia Kallas


New York, 15. November 2012 (IPS) – Wegen ihrer kritischen Berichterstattung über Korruption im Umfeld des aserbaidschanischen Staatspräsidenten Ilcham Alijew wird die Journalistin Chadidscha Ismailowa als ‚Staatsfeindin‘ gebrandmarkt. Die Verfolgungskampagnen konnten die mutige Frau jedoch nicht zum Schweigen bringen. „Ich wollte keinen Schritt zurück machen“, sagt sie im Interview mit IPS.

Ismailowa ist Preisträgerin des ‚Courage Journalism Award 2012‘ der ‚International Women’s Media Foundation‘ (IWMF). Die Auszeichnung geht jedes Jahr an drei Journalistinnen, die „außerordentliche Charakterstärke bei der Ausübung ihres Berufs unter schwierigen und gefährlichen Bedingungen“ bewiesen haben. Außer Ismailowa wurden in diesem Jahr Asmaa al-Ghoul aus dem Gazastreifen und die inhaftierte äthiopische Kolumnistin Reeyot Alemu mit dem Preis ausgelobt.

IPS sprach mit Ismailowa über den investigativen Journalismus in Aserbaidschan und die Unterstützung, die sie von der größtenteils konservativen Gesellschaft erhält. Es folgt das Interview in Auszügen:

IPS: Die Regierung hat versucht, Sie zu erpressen – doch Sie haben den Spieß umgedreht. Was genau ist geschehen?



Chadidscha Ismailowa: Ich habe über die Bestechlichkeit der Präsidentenfamilie und über Angehörige recherchiert, mit denen der Staat Verträge geschlossen hat. Und darüber, wie die Familie von den erlassenen Regelungen und Gesetzen profitiert hat. Bei meinen Untersuchungen beschäftigte ich mich mit ihrem Offshore-Unternehmen in Panama, in dem sie ihre Namen und Interessen hinter öffentlichen Geldern verstecken.

Nach diesen Recherchen wurde in meiner Mietwohnung eine Kamera installiert, ich wurde lange Zeit überwacht. Sie filmten mich beim Sex mit meinem Freund und schickten mir dann Bilder zu. Sie forderten mich auf, mich ‚gut zu benehmen‘, aber ich entschied mich dagegen. Stattdessen brachte ich die Vorfälle an die Öffentlichkeit und erklärte, dass ich mich wegen nichts schämen müsse. Diejenigen, die das Volk bestehlen, sollten sich schämen. Deshalb habe ich mich entschlossen, meine Recherchen fortzusetzen.

IPS: Laut dem Nachrichtenmagazin ‚The Atlantic‘ sind außer Ihnen nur wenige Journalisten in Aserbaidschan investigativ tätig. Stimmt das?



Ismailowa: Es gibt einige andere Kollegen, doch nur wenige werfen ein Schlaglicht auf große Korruptionsfälle. Es sind vielleicht zwei oder drei Journalisten, die das tun. Sie sind sehr mutig.

Als ich den Preis von IWMF erhielt, sagte ich, dass ich ihn auch im Namen der anderen entgegennehmen würde. Sie haben eine schwierige Arbeit geleistet. Es ist wichtig, dass ich nicht allein da stehe. In dem Fall wird man nämlich zum Hauptziel der Angriffe der Regierung. Elmar Husejnow wurde 2005 getötet, weil die Regierung wusste, dass Schweigen einkehren würde, wenn er nicht mehr da wäre. Tatsächlich wurde jahrelang geschwiegen, bis ich anfing zu recherchieren.

Der Unterschied zwischen unserer Arbeit und der anderer Journalisten liegt darin, dass wir höchste internationale Standards erreichen. Alle Untersuchungen sind gut dokumentiert. Jede Stellungnahme und Anschuldigung ist bewiesen, bestätigt und dokumentiert.

IPS: Wie fühlt man sich als Enthüllungsjournalistin in einer konservativen Gesellschaft?


Ismailowa: Ich habe nie darüber nachgedacht, dass ich eine Frau bin und dass ich nicht so handeln kann, wie ich will. Wenn man uns bestrafen will, bedient man sich häufig der konservativen Gesellschaft. Man versucht dann über Regeln für Frauen zu sprechen und darüber, wie sich in Aserbaidschan das Recht von Frauen auf sexuelle Beziehungen einschränken lässt.

Als ich erpresst wurde, hat sich die Gesellschaft jedoch als liberaler erwiesen als die Regierung. Die Gesellschaft unterstützte mich und zeigte mir ihre Wertschätzung. Selbst die konservativsten Parteien, auch die Islamisten, bezogen Stellung und erklärten, dass die Einmischung in das Privatleben inakzeptabel sei, ebenso wie die Tatsache, dass sich die Regierung unmoralischer Methoden bedient, um eine Journalistin zum Schweigen zu bringen.

IPS: Als Sie erpresst wurden, hielten Sie nicht still, sondern veröffentlichten eine Botschaft auf ‚Facebook‘. Wie wichtig sind die sozialen Internet-Netzwerke in der neuen Ära des Journalismus? Und in welchem Maß ist das Internet in Aserbaidschan offen zugänglich?


Ismailowa: Die sozialen Medien spielen eine große Rolle. Auf Facebook habe ich mehr als 4.400 ‚Freunde‘. Mehr als 5.100 Nutzer haben meine Seite abonniert, hinzu kommen über 2.000 ‚Follower‘ auf ‚Twitter‘. Ich teile viele meiner Probleme über diese Kanäle mit. Die traditionellen Medien in Aserbaidschan werden größtenteils kontrolliert.

Über die Erpressung mit dem Sex-Video hat nur ein Fernsehsender berichtet, ohne jedoch auf meine Arbeit näher einzugehen. Dank der neuen Medien habe ich aber mehr Leser gewonnen.

IPS: Befürchten Sie nicht, dass die Schikanen gegen Sie eskalieren könnten? Und bieten Ihnen Preise und die internationale Anerkennung Ihrer Arbeit irgendeinen Schutz?



Ismailowa: Ich mache mir große Sorgen. Da ich meine Arbeit fortsetze, wird die Regierung wahrscheinlich neue Wege suchen, um mich mundtot zu machen. Ich ziehe es aber vor, mich auf meinen Job zu konzentrieren, denn es ist sinnlos, sich wegen Drohungen zu beunruhigen. Ich kann weder etwas gegen ihre Absichten noch gegen die Mittel unternehmen, mit denen sie mir schaden wollen.

Auszeichnungen wie der Preis von IWMF bieten mir einen größeren Schutz, weil sie die internationale Öffentlichkeit auf meinen Fall aufmerksam machen. Hoffentlich wird dies die Regierung davon abhalten, weiter gegen mich vorzugehen.

 

 

 

 

 

 

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