Gute Beispiele aus

Argentinien: Diskriminierungsfreie Schule für Transvestit_innen

Von Marcela Valente

Studierende in einer neuen Sekundärschule für sexuelle Minderheiten in Buenos Aires. Foto: "Mocha Celis"

Buenos Aires, 3. Mai 2012 (IPS) – In der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires hat eine erste weiterführende Schule ihre Tore geöffnet, um insbesondere Transvestiten und anderen Angehörigen sexueller Minderheiten die Chance auf einen höheren Bildungsabschluss zu bieten. Hier werden Jugendliche ab 16 Jahren seit März kostenfrei unterrichtet, ohne Entwürdigung und Diskriminierung fürchten zu müssen.

Das Institut ‚Bachillerato Popular Mocha Celis‘ ist nach einem Transvestiten benannt, der unter ungeklärten Umständen ermordet wurde. Aktivisten berichten, dass Mocha Celis, Analphabet, Prostituierte und Sozialaktivistin, vor seiner-ihrer Entführung von einem Polizisten bedroht wurde.

Wie der Institutsleiter Francisco Quiñones betont, will die Schule Lesben, Schwulen, Bi- und Transsexuellen (LSBT) ein inklusives Lernumfeld bieten. „Öffentliche Schulen, deren Regeln auf Heterosexuelle zugeschnitten sind, vertreiben diese Menschen“, sagt er. „Diskriminierung bis hin zu Gewalt führt dazu, dass die Jugendlichen besonders häufig die Schule abbrechen.“

Seine Schüler_innen hätten über ihre Erfahrungen an herkömmlichen Bildungseinrichtungen gesprochen, berichtet der Direktor. So sei es gerade für Transvestit_innen und Transsexuelle ein Horror gewesen, die Jungentoiletten aufsuchen zu müssen. Hier seien sie zudem von anderen Jugendlichen tätlich angriffen und schikaniert worden. „Manche gingen aus Angst gar nicht mehr hin“, sagt Quiñones.

Durch Vorurteile und Gewalt von anderen Schulen vertrieben

Umso mehr wissen diese Jugendlichen die Verhältnisse an der Mocha-Celis-Schule zu schätzen. „Für mich hat sich eine Tür zu einer neuen Welt geöffnet“, bekennt die 29-jährige Laura Barrionuevo, die mit 15 von ihrer damaligen Schule abgegangen ist. „Ich kam aus Ituzaingó aus der nordöstlichen Provinz Corrientes“, berichtet sie. „Als ich anfing, mich als Transvestit anzuziehen, kam in der Schule und in der Stadt ein regelrechter Tsunami auf mich zu. Deshalb ging ich fort. Später meldete ich mich an anderen Schulen an, wurde dort aber auch wie ein Monster behandelt.“

Barrionuevo lebt nun zur Miete in Ezeiza, einer Stadt 35 Kilometer von ihrer Schule entfernt. Um zum Unterricht und wieder nach Hause zu kommen, ist sie von Montag bis Donnerstag täglich etwa sechs Stunden unterwegs. Dennoch ist sie mit der Situation zufrieden.

Gemeinsam mit den bislang 34 anderen Schülern will sich Barrionuevo eine Nähmaschine kaufen, um sich ihre Kleidung selber schneidern zu können. „Ich war nicht gut darin, an Straßenecken zu stehen“, sagt sie und spielt damit auf die Prostitution an. „Wäre es anders gewesen, hätte ich viel Geld verdienen können.“

Bislang ist die Schule noch nicht von der Bildungsbehörde der Stadt Buenos Aires anerkannt worden. Laut Quiñones dauert dieser Vorgang schon länger als üblich. Sobald die offizielle Genehmigung vorliegt, können die Schüler_innen in drei Jahren ihren Abschluss machen.

Auf ihrem Zeugnis wird vermerkt sein, dass sich die Schüler_innen auf Gemeindeentwicklung spezialisiert haben. Der Lehrplan sieht unter anderem vor, dass sie lernen, Kooperativen zu gründen. Ist die Schule erst offiziell anerkannt, können die erfolgreichen Absolvent_innen mit dem Zeugnis in der Tasche an anderen Orten ihre Studien fortsetzen. Barrionuevo überlegt noch, ob sie Radiologin oder Journalistin werden will.

Das Gebäude, in dem der Unterricht stattfindet, wird von der unabhängigen Vereinigung ‚Mutual Sentimiento‘ zur Verfügung gestellt. Die 25 Lehrkräfte haben auch bei der Renovierung geholfen. Als Emblem wählte die Institution ein Bild des ehemaligen argentinischen Präsidenten Domingo Fausto Sarmiento (1811-1888) aus. Er war die treibende Kraft bei der Entwicklung des öffentlichen Bildungswesens in dem südamerikanischen Land. Anders als auf den historischen Porträts trägt Sarmiento auf dem Wandbild eine blonde Perücke und rosa Lippenstift.

Inklusion und Anerkennung

Im Klassenraum gibt es keine hintereinander aufgestellten Bänke. Die Schüler_innen sitzen im Kreis. „Was sie können, ist hier genauso wertvoll wie das Wissen der Lehrkräfte“, sagt Quiñones. Der Lehrplan entspricht dem anderer Sekundarschulen für Erwachsene. Wie der Direktor hervorhebt, ist das Spektrum jedoch breiter. Auch die Geschichte der Transsexuellen in Argentinien gehört zum Stoff.

Die Idee zu der Schule geht auf das 2005 veröffentlichte Buch ‚La Gesta del Nombre Propio‘ (Der Kampf für einen eigenen Namen) zurück. Darin wird dokumentiert, mit welcher Intoleranz und Erniedrigung Transvestiten in dem Land konfrontiert sind. Die Autoren kamen zu dem ernüchternden Ergebnis, dass 64 Prozent der 302 Befragten noch nicht einmal einen Grundschulabschluss hatten. Nur 20 Prozent derjenigen, die ein Endzeugnis in der Hand hielten, kamen von einer weiterführenden Schule.

Der Mangel an Bildung versperrt gerade Transvestit_innen und Transsexuellen den Weg zu qualifizierten Jobs. 79 Prozent der Interviewten beziehen ihr Haupteinkommen aus der Prostitution. Wie weiter aus der Studie hervorgeht, befanden sich nur elf Prozent zum Zeitpunkt der Befragung in einer Ausbildung. 70 Prozent erklärten, gern etwas lernen zu wollen, wenn sie ihre wahre sexuelle Identität nicht leugnen müssten.

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