Gute Beispiele aus

Ägypten: Grabscher im Schwitzkasten – Frauen wehren sich gegen sexuelle Belästigung

Der Tahrir-Platz, die Wiege der ägyptischn Revolution, ist zum Schauplatz für sexuelle Belästigung geworden. Foto: Khaled Moussa al-Omrani/IPS.

Von Mel Frykberg

Kairo, 5. November 2012 (IPS) – Ägyptische Machos, die Frauen auf Straßen sexuell belästigen und sich darauf verlassen, dass sie in großen Menschenmengen anonym bleiben, werden nun mit ihren eigenen Waffen geschlagen.

Da die Behörden die ausufernden sexuellen Übergriffe weitgehend ignorieren, nehmen die Frauen die Sache selbst in die Hand. Sie organisieren Kampagnen, die auf das Problem aufmerksam machen, und gehen offensiv gegen Grabscher und Co. vor. Unterstützt werden sie von einer zunehmenden Zahl junger Männer.

Ein Ägypter in verwaschenen Jeans und mit modisch gestyltem Haar wird plötzlich von einer Gruppe Geschlechtsgenossen umringt, die fluoreszierende und mit Anti-Belästigungsslogans bedruckte Jacken tragen. Sie nehmen ihr Opfer in den Schwitzkasten und markieren sein Gesicht mit schwarzen Handabdrücken, die den Angreifer als solchen erkennbar machen. Nach einer Standpauke nehmen die Aktivisten seine Personalien auf und lassen ihn dann ziehen. Um den reichlich verlegenen Mann hat sich eine Gruppe Schaulustiger versammelt.

Dies war nur einer von vielen Einsätzen der Gruppe unlängst in der Kairoer Innenstadt. Einige der von den Frauenschutzbrigaden angegangenen Männer waren bereits von Frauen aus Wasserpistolen mit dem Farbstoff Merbromin markiert worden.

Sexuelle Belästigung ist in Ägypten eine Plage



Nach Angaben der Polizei und des Innenministeriums vom 28. Oktober wurden an den ersten beiden Tagen des islamischen Opferfestes 172 Männer unter dem Verdacht der sexuellen Belästigung verhaftet. Die meisten Festnahmen erfolgten in Kairo. Am 26. Oktober waren dort 87 Fälle von verbaler sexueller Belästigung und sechs tätliche Angriffe gemeldet worden.

Inzwischen wurden spezielle Telefon-Hotlines für Frauen eingerichtet, und männliche Helfer patrouillieren an den Orten in Kairo, an denen es besonders häufig zu den Übergriffen kommt. Die Aktivisten berichteten von größeren Gruppen von Männern, die Frauen massiv belästigten. In einem Fall gingen 40 Männer auf 50 Teenager los.

Derartige Zudringlichkeiten sind in Ägypten seit langem ein Problem. Das Ägyptische Zentrum für Frauenrechte hatte 2008 Ägypterinnen und Ausländerinnen über ihre Erfahrungen mit sexueller Gewalt befragt. 83 beziehungsweise 98 Prozent gaben an, mindestens einmal einem solchen Übergriff ausgesetzt gewesen zu sein. Weder Kopftuch doch Burka vermögen Frauen vor den Übergriffen zu schützen.

Mitglieder der Bewegung ‚Fang einen Sittenstrolch‘ und Mitarbeiter des Ägyptischen Demokratischen Instituts in Baharia versammelten sich kürzlich zu einem Schweigeprotest in der nordägyptischen Stadt Damanhour, um bereits vor den Feiertagen auf die Gefahr der Belästigungen aufmerksam zu machen.

Die Demonstranten hielten Transparente hoch, auf denen zu lesen war: „Wenn dir meine Kleidung oder mein Gang nicht gefällt, ist das eine Entschuldigung dafür, mich zu belästigen? Wenn das so ist, warum belästigst du mich noch, wenn ich meinen Kopf oder den ganzen Körper verschleiert habe?“

Während des ‚Arabischen Frühlings‘ wurden Gruppen von Männern dabei beobachtet, wie sie auf dem Tahrir-Platz in Kairo die Anonymität der Massen für sexuelle Übergriffe auf Demonstrantinnen nutzten. Aktivisten machten auch Anhänger des früheren Regimes des inzwischen gestürzten Diktators Husni Mubarak für die Attacken verantwortlich, die offenbar der Einschüchterung weiblicher Demonstranten dienten.

Ausländische Journalistinnen machten auf dem Tahrir-Platz ähnliche Erfahrungen. Eine Attacke auf die Südafrikanerin Lara Logan, die für den Sender CBS über die Unruhen berichtet hatte, machte international Schlagzeilen. Der bisher letzte Angriff wurde auf Sonia Dridi von ‚France 24‘ verübt, als sie vor kurzem aus Kairo berichtete. Mehrere Männer näherten sich ihr und begrapschten sie minutenlang, bevor ihr ein anderer Reporter zur Hilfe kam.

Regierung will handeln


Die kontinuierliche Belästigung von Frauen zwingt die Regierung allmählich zum Handeln. Am 29. Oktober kündigte Ministerpräsident Hesham Qandil an, dass sein Kabinett einen Gesetzentwurf vorbereite, der härtere Strafen gegen Verantwortlichen für sexuelle Übergriffe vorsehe. Im August hatte der Nationale Frauenrat eine landesweite Kampagne unter dem Motto ‚Patrouillen gegen sexuelle Belästigung, insbesondere in Kairo, gestartet.

Vertreter der Behörden erklärten außerdem, dass ein Überwachungsnetzwerk mit Kameras an Hauptstraßen und großen Plätzen geplant sei. Die Gesichter der Täter sollen demnach im Fernsehen und im Internet gezeigt werden.

 

 

 

 

 

 

 

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