Afghanistan: Frauen fordern Mitsprache bei Verhandlungen mit Taliban

Von Kanya D’Almeida

Waffenverkauf in afghanischem Basar. Eric Kanalstein/UN Photos

New York (IPS) – In Afghanistan wird es keinen Frieden geben, solange Frauen nicht gleichberechtigt an den Friedensverhandlungen teilnehmen. Mit dieser Warnung wartet das Kroc-Institut für Friedensforschung der Universität von Notre Dame in einem neuen Bericht auf.

„Wir wollen von der Welt nicht als Opfer wahrgenommen werden“, sagte Afifa Azim, Generaldirektorin des Afghanischen Frauennetzwerks, das mit dem Kroc-Institut zusammenarbeitet. „Afghanische Frauen müssen an die Verhandlungstische, wenn der Friedensprozess vorankommen soll. Ohne Frauen kein Frieden.“

Der Report ‚Afghan Women Speak: Enhancing Security and Human Rights in Afghanistan‘ basiert auf Interviews mit etwa 50 führenden afghanischen Frauenaktivistinnen, Politikerinnen, Schulvorsteherinnen, NGO- und Gesundheitsexpertinnen, Soldatinnen und Polizistinnen.

Vorgestellt wurde er im Rahmen einer einwöchigen Friedenskonferenz zum zehnten Jahrestag der Resolution 1325 des UN-Sicherheitsrats über Frauen, Frieden und Sicherheit. Die 2000 einstimmig beschlossene Resolution zielt auf eine stärkere Beteiligung von Frauen auf allen Ebenen der institutionellen Verhütung, Bewältigung und Beilegung von Konflikten.

Seit der Vertreibung der Taliban aus Kabul unter Führung der USA 2001 hat Washington die Verlängerung der Militärpräsenz auch mit der Notwendigkeit gerechtfertigt, die Rechte afghanischer Frauen zu schützen. Doch solche Vereinfachungen stellen nach Ansicht vieler Beobachter für Afghanistans Frauen eher eine Gefahr dar als dass sie von Nutzen wären.

„Die Frauen sind sich im Klaren, dass ihre Rechte für politische Zwecke missbraucht wurden“, schreibt David Cortright, Leiter für politische Studien am Kroc-Institut und Ko-Autor des neuen Berichts. „Frauen betrachten diese Versuche, militärische Maßnahmen zu rechtfertigen, mit erheblichem Misstrauen.“

Truppenabzug gefordert

Bei der Vorstellung des Berichts in New York am 27. Oktober betonte Cortright im Interesse eines nachhaltigen und gleichberechtigten Friedensprozesses die Notwendigkeit, US- und anderen Truppen unverzüglich aus Afghanistan abzuziehen. „Es ist völlig klar, dass die Präsenz ausländischer Truppen den Aufstand anheizt „, sagte er. „Je länger die Besatzung anhält, umso größer wird die Gefahr für die menschliche Sicherheit, die Zahl der zivilen Todesopfer und die Stärke der Aufständischen.“

Cortright zufolge sollte es nur noch um die Frage gehen, wie der militärische Rückzug vonstatten geht, ohne die kleinen Errungenschaften der afghanischen Frauenbewegung in den vergangenen zehn Jahren aufs Spiel zu setzen.

Nach Ansicht von Sarah Persinger, Forschungsmitarbeiterin am Kroc-Institut, die ebenfalls an der Studie mitwirkte, muss bei jedem politischen Kurswechsel sichergestellt werden, dass die seit dem Einmarsch der westlichen Truppen erzielten Fortschritte nicht zunichte gemacht werden. Etliche ihrer Interviewpartnerinnen hatten über Verbesserungen im Bildungs- und Gesundheitsbereich berichtet und die wirtschaftliche und politische Teilhabe der Frauen nach den Bodenverlusten der Taliban hervorgehoben.

Der Bericht verdeutlicht jedoch auch, dass der andauernde Krieg es den afghanischen Mädchen und Frauen unmöglich macht, ihren Einfluss in einer militarisierten Umgebung zu festigen. Straffreiheit und Unsicherheit hätten sie neuen Formen der Machtlosigkeit ausgeliefert. Sie seien durch den Krieg zu Witwen, Vertriebenen und Opfern von Menschenhändlern und Zwangsehen geworden.

Vielen Frauen und Mädchen ist es inzwischen wieder untersagt, ihre Häuser zu verlassen. Das gilt auch für den Schulbesuch. Seit die Taliban dazu übergegangen sind, als Antwort auf die ausländische Militärpräsenz gezielt Zivilisten und zivile Einrichtungen anzugreifen, sind dem Bericht zufolge in der ostafghanischen Provinz Khost alle Schulen zerstört.

Lag die Beteiligung von Frauen an den Wahlen traditionell bei 45 Prozent, sank der Anteil bei dem Urnengang 2009, der unter den Auspizien ausländischer Beobachter stattfand, auf kümmerliche 20 Prozent.

Für besonders fragwürdig halten die Friedensforscher des Croc-Instituts die geheimen Friedensverhandlungen unter Beteiligung der Taliban, die unter Ausschluss der Frauen stattfinden. „Frieden meint nicht nur die Abwesenheit von Waffen“, erläuterte Afifa Azim gegenüber IPS. „Frieden muss in allen Sphären des Lebens Einzug halten. Und das bedeutet: die gleiche Repräsentanz von Frauen in den Friedensgesprächen.“

Talibanisierung der Scharia

Der Bericht empfiehlt die Einrichtung einer muslimisch geführten Interimsregierung, die den Rückzug der westlichen Truppen aus Afghanistan überwachen und mit den Frauen des Landes eng zusammenarbeiten soll, um einen für alle Seiten fairen Übergang zum Frieden zu gewährleisten. „Das Problem ist nicht das islamische Recht der Scharia“, so Aziz, „sondern die Talibanisierung der Scharia“.

Cortright zufolge könnte in diesem Zeitraum auch die Organisation der Islamischen Konferenz eine entscheidende Rolle spielen. Eine Verringerung der Truppenstärke müsse zudem mit einem Anstieg der Hilfsgelder für Bildung und Gesundheit einhergehen.

Viele afghanische Frauen haben bereits die Hoffnung auf eine Verbesserung ihrer Lage aufgegeben. „Wir können wir hoffen, an den Friedensgesprächen beteiligt zu werden, wenn uns noch nicht einmal erlaubt wird, uns im Krankenhaus behandeln zu lassen?“, so eine Afghanin, die sich Anonymität ausbat, gegenüber IPS. „Das wird nicht geschehen.“

Aziz forderte die Vereinten Nationen im Interesse der Glaubwürdigkeit der UN-Resolution 1325 dazu auf, die schwierige Situation der Frauen in Afghanistan ernst zu nehmen. „Ohne die Unterstützung der internationalen Gemeinschaft werden Frauen keinen Frieden in Afghanistan erleben.“

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